Die Sachen in meinem Schrank wirken so einsam. Ich weiss nicht genau wieso, aber es scheint, als würden sie jede Nacht weinen. Jeden Tag hänge ich sie draußen auf. Der warme Wind trocknet ihre Tränen, aber nachts hör ich aus meinem Schrank immer wieder ihr Schluchzen. Dennoch weckt es mich nicht, weil ich selber nicht die Augen schließe. Also sitze ich nachts da und tröste die durchnässten Sachen. Vielleicht wäre es einfacher sie einfach in den Trockner zu tun, aber ein Trockner kann nicht trösten. Ein Trockner kann Tränen trocknen, aber er versiegelt nicht die Quelle. Meine Sachen vermissen es gestapelt neben deinen Sachen zu liegen.
Wenn es nicht so wäre, würde meine Zahnbürste nicht so einsam dreinblicken, wenn ich sie morgens in die Hand nehme. Neben ihr ist bereits eine neue Zahnbürste, aber deine Zahnbürste scheint wohl etwas Besonderes gewesen zu sein. Mit der fremden Zahnbürste ist sie vielleicht nicht alleine, aber die Definition von Einsamkeit geht über das Alleinsein weit hinaus. Dinge sind nicht einfach nur Materie, sie sind das, was wir ihnen an Bedeutung zuschreiben, insofern ist die Welt, bist du, ist die fremde Zahnbürste viel mehr als ein Stück Materie. Ich will mir das nicht eingestehen, aber wenn ich morgens in den Spiegel sehe, sehe ich dich, obwohl oder gerade weil du nicht da bist. Dabei spiegelt ein Spiegel doch nur die materielle Welt ab. Aber in meiner Welt erscheinst du im Spiegel und legst deine Arme um meine Schulter. In meiner Welt tröste ich leblose Dinge, aber eigentlich tröste ich mich selbst. Auch meine Sachen sind nur Dinge, die etwas reflektieren, was Bedeutung trägt. Alles ist irgendwo ein Spiegel.
Je mehr ich drüber nachdenke, je ferner du mir bist, umso mehr hasse ich dich. Dafür dass du mich alleine gelassen hast, obwohl ich nicht alleine sein wollte. Jeden Morgen lese ich deinen letzten Brief und er tut jedes mal weh, für mich ist er voller Ausreden, voller Lügen, ohne Erklärungen. Die Wahrheit verbirgt sich nicht hinter deinen unehrlichen Worten, aber sie verbirgt sich auch nicht hinter meinen hasserfüllten Gedanken. Die Wahrheit kennt keiner von uns beiden wirklich. Wahrscheinlich weisst du selber nicht, wieso du mich allein gelassen hast. In deinem Brief waren nur einige Worte, die besagten, was du vielleicht wirklich dachtest. Nämlich, dass es dir wichtiger war mich nicht zu verletzen als mich früher zu verlassen. Für diese Worte hasse ich dich. Ich hasse Mitleid. Erst recht brauche ich kein Mitleid von dir. Mitleid lindert meinen Schmerz nicht, Mitleid verspottet meinen Schmerz. Es ist wie immer. Den Schmerz kann ich nicht überwinden durch deine Worte, ich kann ihn nur vergessen, wenn es dich für mich nicht mehr gibt. Wenigstens hasse ich dich dann auch nicht mehr.
ich habe dir, die du im Himmel bist, einen Brief geschrieben. Bist du nicht einsam, wenn du dort alleine lebst? Fehlt es dir auch an nichts? Was wünschst du dir? Denkst du wenigstens ein Mal am Tag an mich? Die Blume, die wir gemeinsam gepflanzt haben, blüht genau jetzt. Du wirst zum Wind, der mich umhüllt. Du wirst zum Licht, das mich leitet. Darf ich dich zum Schluss noch eine Sache fragen? Kannst du mich von dem Ort, an dem du bist, sehen? Du wirst zum Wind, der mich umhüllt.Obwohl du jetzt fern bist, will ich dir nur diese Dinge mitteilen. Dear my friend, damit sie dich erreichen.
„Nomikai“ bezeichnet in der japanischen Sprache gemeinhin das Treffen einiger Leute, die sich einen hinter die Binse kippen. Zu deutsch also ein Besäufnis. Gestern wollte ich unbedingt mal wieder so richtig einen runterkippen. Der geplante Absturz also. Wenn man seinen Absturz plant, geht das selten gut. Fing aber alles noch harmlos an. Suzuki-san (Arbeitskollege mit Ganzkörpertattoos) hat mich mitgenommen und wusste selber nicht so genau, wer kommen würde. Ich traf Suzuki am Bahnhof und er hatte schon Wein und Bier dabei. Es ging dann in den Keller des Nikko-Hotels im Japan, wo man sich gepflegt an einer Bar betrinken oder in die Karaoke-Boxen gehen kann. Für mich war an dem Abend alles für lau. Nachher war ich dennoch um 23 Euro ärmer. Wieso? Das ist eine lange Geschichte.
Mr. Michel hat in einer seiner ersten Religionsstunden bei mir einen großen Eindruck gemacht, als er von Nähe und Distanz in der Liebe sprach. Dass man beides bräuchte, um eine dauerhaft stabile Beziehung führen zu können. Damals hielt ich das für sehr einleuchtend und teilweise sind die Ansätze doch auch ganz verständlich, doch der erste Knackpunkt ist, dass zu dieser Nähe-Distanz-Sache zwei Personen gehören und dass man sich dann auch noch verständigen muss, wie weit Distanz reicht. So kann aus der Sicht des einen in einer offenen Beziehung eine gesunde Distanz herrschen, während es die andere Person innerlich zerfrisst und krank macht. Was Mr. Michel eigentlich suggerierte, war dass jemand, der sich nach immerwährender, dauerhafter Nähe sehnt, nicht mehr ganz richtig sein kann. Und klar führt es zu Streit, wenn man dauernd aufeinander hockt, aber führt es nicht noch viel mehr zu Streit, wenn man sich nicht mehr sieht? Wenn man streiten will, kann man es einfach auf zu viel Nähe oder zu viel Distanz schieben, weil beides subjektiv wahrgenommen wird und daher eine objektive, ja fast wissenschaftliche, Austarierung des richtigen Distanz-Nähe-Verhältnisses unmöglich ist. (mehr…)
Mit freundlicher Unterstützung aus Okinawa konnte ich die letzten Wochen diesen Blog leider nicht führen. Das Problem war einfach, dass ich die ganze Zeit am Essen war. Die japanischen Köstlichkeiten, die mir zubereitet wurden, lenkten mich von Studium, Freunden und der realen Welt ab. Dennoch stand die (immer noch nicht endende) Reise ins kulinarische Schlaraffenland niemals zur Disposition. Eine kleine Dia-Show der leckeren Sorte. (japanischsprachige Rezepte findet man übrigens hier.)
Bahnhöfe sind die schönsten Orte auf dieser Welt, denke ich, als ich an jeder Durchgangsstation Umarmungen und Küsse sehe. Eigentlich sind Bahnhöfe doch schmutzige Orte. Aber vielleicht wirken gerade deshalb Umarmungen an diesen Plätzen wie die Blume auf dem Misthaufen. Bahnhöfe? Diese Betonklötze aus der Zeit der Industrialisierung, aus der Zeit der Schornsteine, spiegeln die menschliche Natur wider. Sie zeigen Abschied und Wiederkehr. Glück und Trauer. Sie spiegeln das menschliche Leben wieder, obwohl sie nicht annähernd so alt wie die Menschheit selbst sind. Der Mensch hat früher Tempel gebaut, doch die Tempel der Moderne sind wohl Bahnhöfe. Sie sind Tempel, die den Menschen in all seinen Facetten darstellen. Sie verehren die Menschlichkeit, ohne das wir etwas davon mitbekommen. Denn es sind die Menschen, die Menschlichkeit verkörpern. In all ihren Farben strömen Menschen zu den Bahnhöfen. Der Bahnhof vereint die Menschheit, die sonst durch Nationen und soziale Zwänge kategorisiert und gefesselt ist.
你是我的公主. Bring mir bitte mehr dieser schönen Sprache bei. Sie fließt wie Honig meine Kehle hinunter und ist so süß wie dein Kuss. Sie ist nicht so einfach, aber Schönheit muss wohl immer etwas Kompliziertes sein. Vielleicht habe ich die Intelligenz komplexe Sachverhalte zu begreifen, doch die Schönheit werde ich nie begreifen können. Ist es dann schlimm, wenn ich dich manchmal nicht verstehe oder du mich nicht? Vielleicht will ich deshalb deine schöne Sprache lernen. Vielleicht auch nur, weil ich Grenzen hasse. Weil ich sie so sehr hasse, dass ich mit jedem Wort eine Grenze einreißen will. Zu irgendetwas ist Sprache dann doch gut. Eigentlich ist sie doch zum Abgrenzen da, aber ich will diesen Spieß umdrehen. So wie ich die Grenze zwischen uns eingerissen habe, will ich immer mehr einreißen. Eigentlich habe ich aber nichts eingerissen, denn es war nie etwas da, was uns hätte trennen können. Keine dieser unsichtbaren Grenzen, keine Mauer in den Gedanken. Honig schmeckt in allen Ländern süß, doch so süß wie deine Küsse kann er niemals schmecken, 我的公主.
Das Lied „Gedanken und Worte“ der polnischen Band „Bajm“ aus dem Jahr 2003, aber hier live gespielt in Krakau auf vorletztem Sylvester. Ich hab mich mal an einer (sehr romantischen ) Übersetzung versucht.
„to fall in love“, ich finde, dass dieser Ausdruck der vielleicht schönste der englischen Sprache ist. Denn bei uns ist es scheinbar wirklich ein Fallen. Das Hineinfallen in die Liebe ist ein langer, zäher Prozess und manchmal denke ich, dass es wie heißes Karamell ist. So süß und zäh. Die Frage, ob ich irgendwann zu Ende gefallen bin, interessiert mich nicht. Ich genieße das Jetzt, ein Gefühl des Schwebens und der Freiheit von jeglichem Zwang. Was bringt es einem Menschen von der fernen Zukunft zu träumen, wenn er nicht mal erkennen kann, welch ein wahr gewordener Traum die Realität sein kann. Manchmal denke ich dann, dass ich selbst wie Karamell bin. Aber nicht heiß, sondern einfach ein harter Klumpen. Nur wenn ich deine Worte höre, ist es, als würde dieser Klumpen auf deinen Worten, auf deiner Zunge sanft dahinschmelzen und seine ganze Süße entfalten. Ich weiss nicht, bin ich vielleicht schon in die Liebe gefallen? Vielleicht ist alles nur ein süßer Traum, den ich träume, weil ich mir den Magen mit zu vielen deiner Karamells verdorben habe.