Wie Dir en grey in mein Leben trat oder: Vom Teilen der Dunkelheit

Wir schreiben das Jahr 2003. Ich war 16, mein Leben ein einziger Witz. Ich kam mir oft vor wie ein trauriger Clown, in der Öffentlichkeit die Freude heuchelnd und in der Zurückgezogenheit sich selber hassend. Ich machte mir viele Gedanken, erschuf Probleme, die nicht existierten, fragte mich, was ich hier mache oder ob die Welt ohne mich anders wäre. Ich hasste meinen Körper und ich hasste den Blick in den Spiegel. Eigentlich hasste ich damals alles, ich flüchtete auf mein Zimmer und je länger ich dort war umso finsterer wurde es mir. Ich bewältigte die Fragen, die mich quälten und die Probleme, die ich mir machte mit Gedichten und je länger ich Gedichte schrieb umso krasser wurden die Themen, umso schwärzer wurde die Seele meiner Lyrik. Allerdings hat mir das doch irgendwie geholfen, ich weiss nicht, was ich sonst noch angestellt hätte, wenn sich alles angestaut hätte. Trotz dieser „Bewältigung“ wurde meine Lyrik immer einseitiger und immer schwärzer, ich schrieb über Liebe, die ich nicht empfand, über Zwänge, über die Welt als riesiges Gefängnis, über Unfreiheit, über die Versklavung durch die eigene Sehnsucht. Über die Liebe, über die ich schreiben wollte, konnte ich nicht schreiben, weil ich sie nie intensiv empfand und das Gefühl hatte, niemand könnte sie für mich empfinden. Aus der Liebe wurde die Sehnsucht nach Liebe, eine Sehnsucht, die lange unerfüllt blieb und aus der unerfüllten Sehnsucht wurde Selbstzerstörung. Ich starb, blutete, leidete in meinen eigenen Gedichten, körperlich, dabei war der Schmerz immer in meinem Kopf, in meiner Seele.

In eben diesem Jahr traten Dir en grey in mein Leben. Irgendwelche Japaner, die teilweise aussahen wie Frauen, aber doch ganz ausgezeichnete Musik machten. Manchmal lag ich Stunden da und hörte ihre Lieder, obwohl ich nur den Titel kannte, der Inhalt war mir fremd. Hier begann auch meine Liebe zur japanischen Sprache, die für mich so unendlich melodisch und sanft klang, voller Vokale und so wohlklingend. Eine Sprache, von der ich damals keine Ahnung hatte, transportierte so viel Emotion wie es vorher kein englisches oder deutsches Lied für mich konnte. Ich las den ersten Dir en grey-Text „Yokan“ und war überrascht keine populär-musikalischen Texte vorzufinden, dann kam „Cage“ und dieser kleine Japaner sprach mir mit seinen lyrischen, selbstzerstörerischen Texten aus der Seele. Allerdings war „Embryo“ dann der Song, der mir nicht nur die Ohren sondern auch die Augen öffnete. Irgendwie relativierte dieses Lied meine Probleme, gleichzeitig riss es mich raus aus meiner Lethargie hinein in die Bereitschaft einfach zu leben und nicht alles zu hinterfragen, worauf es keine Antwort geben konnte. Die destruktive Stimmung des Liedes bei gleichzeitiger Ausweglosigkeit und trotziger Sehnsucht hieß für mich Glück, denn plötzlich war ich in meinem Zimmer nicht mehr allein. Die Welt fiel mir vielleicht auf den Kopf, aber ab jetzt war ich wenigstens nicht mehr allein in Gedanken, sondern fand Verständnis in einer fremden Sprache, in einer fremden Kultur, von einem fremden Menschen.

Hier die deutsch untertitelte Version der Single-Version des Liedes „Embryo“ (Album-Version war etwas zu hart für die Veröffentlichung trotz oder gerade wegen wesentlich bedrückenderer Lyrics).

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