Das linke Japan oder: Marx meets Tennô

Faszinierend, dass Japan eigentlich eine Ein-Parteien-Demokratie ist, denn bis auf ne kleine Ausnahme war immer die LDP (Liberaldemokratische Partei = sowas wie die FDP) an der Macht. Problematisch hierbei finde ich, dass innerhalb dieser Partei verschiedene Fraktionen vorhanden sind, das heißt: Die Leute lassen sich alle einfach ins Parlament wählen und kloppen sich dann innerhalb der LDP um die politische Richtung. Meiner Ansicht sieht Demokratie anders aus. Wenn ich eine Partei wähle, dann will ich, dass ich weiss, was diese Leute dann später machen wollen. Wähle ich die LDP kommt später irgendwas zwischen sozial-liberal und nationalistisch bei raus. Die einzige Partei, die in naher Zukunft bei Wahlen über die LDP siegen könnte, ist die DJP (Demokratisch-Japanische Partei). Nun, was ist das Programm? So ziemlich das gleiche wie das der LDP! Ja, mei, leck mich da doch einer! Was ist das für eine Demokratie?

Je mehr ich mich mit der japanischen Demokratie beschäftigte, umso enttäuschter wurde ich, denn bei einer Dauerherrschaft der LDP und einer viel zu schwachen Opposition kann es keine richtige Demokratie geben. Eigentlich hätte ich überhaupt nichts gegen eine liberale Partei an der Regierung, ABER in diesem Fall muss ich eindeutig sagen: Kommunisten an die Macht!

Die KPJ ist die größte kommunistische Partei der Welt, die nicht an der Regierung ist. Die japanischen Kommunisten haben 400 000 Mitglieder (Vergleich: Die Linkspartei hat 74 500 Mitglieder) und eine Wählerquote von ca. 10 % (ca. 5 Mio. Japaner; Tendenz allerdings fallend). Diese Partei hat wirklich ein Programm, dem man sogar als normaler Durchschnitts-Blogger zustimmen könnte, man braucht kein Kommunist, Leninist oder Sozialromantiker sein um dieses Programm gut zu finden.

Die KPJ steht für: Demokratie (!), Aufarbeitung der Vergangenheit (in Deutschland eine Selbstverständlichkeit), Abzug der Amerikaner (130 US-Basen!), ein neutrales Japan außerhalb jeden Blocks, Einhaltung der Verfassung (z.Bsp. kein Einsatz der Armee außerhalb Japans, keine Atomsprengköpfe in Japan). Das was die KPJ fordert ist mir sehr sympathisch, außerdem wollen sie diese Ziele nicht gewaltsam, sondern durch die Wahl durch das Volk erreichen. Außerdem fordern sie nicht einmal mehr die Abschaffung des Tennô, solange dieser weiterhin nur repräsentative Aufgaben inne hat (laut Verfassung hat er auch nur diese). Leider ist die Position der KPJ durch die Schwächung der japanischen Sozialdemokraten (mittlerweile nur noch 5,5 %) schwächer denn je und wird somit bald die einzige linke und zugleich ehrlich demokratische Partei sein, die in Japan über bleibt. So bescheuert es klingt, für einen reflektierenden Europäer ist die KPJ an der Spitze Japans keine Gefahr, sondern wäre eigentlich ein Segen.

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5 Antworten to “Das linke Japan oder: Marx meets Tennô”

  1. Peter Says:

    Aufarbeitung der Vergangenheit (in Deutschland eine Selbstverständlichkeit)

    Auch wenn mich zumindestens Torte schwer schelten wird, stimmt das meiner Ansicht nach nicht hundertprozentih, man könnte noch einiges mehr an Vergangenheit aufarbeiten – soll heißen: Aufarbeitungstendenz abnehmend.

    Aber gut, wenn nur noch das „Gesöcks“ sich fortpflanzt, muss man auch keine Zeit für so etwas verlieren, da es dann nicht im Interesse der Mehrheit ist.

  2. thielus Says:

    nein Peter, ich stimme dir zu. Wenn ich höre, dass von 30 Mitarbeitern beim Start des BKA 30 Mann früher in einschlägigen Nazi-Organistationen tätig waren, fasse ich mir schon an den Kopf. Aufarbeitung darf nie einfach „aufhören“, gerade in Deutschland.

  3. adulto Says:

    Allerdings wird ja nichts geleugnet (tun mittlerweile nicht mal mehr die Nazis), sodass wir uns unserer Schuld durchaus bewusst sind, wenn wir nicht gerade irgendwelche Asi-Köppe sind, die auch gar nichts checken. Klar gibts überall etwas zu verbessern, aber allgemein bin ich zufrieden mit der Vergangenheitsbewältigung.

  4. Peter Says:

    Die Nazis weichen mit Leugnungsvermeidung nur Straftatbeständen aus, die sind immerhin so klug um sich zu überlegen, das Beschneidung der Meinungsäußerung in manchen Fällen angenehmer sein kann, als Knast.

    Ich bin nicht zufrieden mit der Vergangenheitsbewältigung der neueren Geschichte, z.B. DDR, etc. – und klar, den braunen Sumpf der Nachkriegszeit sollte man endgültig trockenlegen, da stimme ich thielus voll zu.

    Jetzt muss ich aber wieder lernen… 😉

  5. thielus Says:

    das ding is, dass man erst aufarbeiten kann, wenn alles bekannt ist. da neue erkenntnisse aber recht unregelmäßig an die öffentlichkeit gekangen, geht die vergangenheitsbewältigung eben auch nur unregelmäßig von statten. man kann deutschland sicherlich nicht kritisieren, was die aufarbeitung der nazi- oder ddr-zeit angeht, aber man darf halt nicht aufhören und sagen „alles klar, buch zu, thema abgeschlossen“

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