Jun’ichirô Tanizaki – kagi – Der Schlüssel

Selten habe ich ein Buch so verschlungen wie dieses 1956 erschienene Meisterwerk des Literaten Jun’ichirô Tanizaki. 243 Seiten verschlang ich an einem Tag, obgleich bis zur Besprechung dieses Klassikers noch Zeit ist. Ich habe am Morgen einen kleinen Blick hinein geworfen und dieser Roman hat mich von der ersten Minute an gepackt, ich kann dieses Buch wirklich jedem wärmstens empfehlen. So viel vorab: es geht primär um SEX.

Das ist natürliche eine unhaltbare Vereinfachung dieses genialen Plots, aber im Prinzip ist es wirklich so. In den prüden 50ern bricht Tanizaki mit diesem genialen Pionierwerk das gesellschaftliche Tabu-Thema Sex und Betrug. Ich persönliche litt mit den beiden Hauptdarstellern dieses Werkes von dem ersten Wort mit, während des Buches fuhren die Gefühle und die Vorstellungen von Moral und Gerechtigkeit mit mir Achterbahn.

Der Schlüssel – hiermit ist der Schlüssel zu den intimen Empfindungen des Anderen gemeint. Der 65-jährige Professor und seine attraktive 45-jährige Frau wurden vor 20 Jahren zwangsverheiratet, sie war sexuell immer sehr prüde und er konnte es ihr einfach nicht richtig besorgen (zumindest die ersten 20 Jahre lang). Nun, nach Neujahr fangen beide an Tagebuch zu führen, ganz bewusst um den Anderen anzustacheln und die intimsten Geheimnisse preiszugeben, die sonst mündlich nie erwähnt wurden. Die Tagebücher werden zum Schlüssel. Dieser Erzählstil in Form der Tagebücher ist unglaublich fesselnd, so wird dem Tagebuch des Mannes das Tagebuch seiner Frau gegenübergestellt. Die Spannung, die hierbei aufkommt ist ungleich höher als in einer herkömmlichen Prosa-Erzählung.

Wenn man die Geschichte nacherzählt klingt sie ein wenig billig vielleicht, aber sie ist wirklich ästethisch auf höchstem Niveau verfasst und hintergründig. Der Professor will in seinem Tagebuch ab Neujahr endlich über die Schlafzimmergeheinmisse schreiben, die ihn so aufregen, weil seine Frau sittsam und traditionell erzogen wurde. Eines Nachts betrinkt sich seine Frau mit ihm und einem Freund des Hauses Herrn Kimura so sehr, dass sie bewusstlos wird. Der Professor nutzt die Gelegenheit nachdem alle fort sind und leuchte den nackten Körper seiner Frau mit Leuchtröhren aus und studiert ihn. Endlich kann er auch seinem intimsten Wünschen nachkommen und die Eifersucht auf Herrn Kimura, der ein leichtes Interesse in seiner Frau weckt, lässt die alte Potenz wiederkehren. Nachdem er seiner Frau 20 Jahre keinen Orgasmus bescherte, gelang dies in dieser Nacht, in der seine Frau sich allerdings zum ersten Mal vorstellte mit Kimura zu schlafen. Hieraus entsteht ein Teufelskreislauf, seine Frau liebt ihn nicht mehr weil er ihr zuwider ist, gleichzeitig neigt sie sich immer mehr Kimura zu, was den Professor jede Nacht neue Leidenschaft spüren lässt, sodass seine Frau auch meint, dass es besser für die Ehe sei, wenn sie mit Kimura ein wenig enger werde. Es entsteht hieraus ein gnadenloser Gedankenkrieg, der sich zu einer Spirale formt, die immer weiter ins Verderben führt. Der Leser wird mit hineingezogen in diese Ehe, von der man nicht weiss, ob sie kaputt ist oder nicht. Der Professor lebt immer mehr nur für die Befriedigung seiner Frau, die sich immer wieder in einen Rausch trinkt und Kimuras Namen immer häufiger flüstert und später sogar ruft. Der seelische Stress, den sich der Professor hiermit aussetzt, weil er nie weiss, ob Kimura mit seiner Frau schläft oder nicht, kann der (männliche) Leser sicher nachempfinden, schließlich geht es hier um etwas Existenzielles in einer Beziehung: um Vertrauen. Vollgepumpt mit Aufputschmitteln und Vitaminen führt der alte Professor seine Frau, trotz ihrer zunehmenden Abscheu gegenüber dem alten Gatten immer tiefer in die Welt der Lust.

Ich möchte an dieser Stelle weder verraten, was zwischen Kimura und der Frau des Professors abgeht, noch wie die Geschichte endet. Denn ich möchte die Spannung nicht zerstören, aber ich war mehr als positiv überrascht von der psychologischen Tiefe dieses Meisterwerks und würde es als mein neues Lieblingsbuch klassifizieren, eine unbedingte Kaufempfehlung an jeden. Bei Amazon kriegt man dieses Werk über Marketplace bereits ab 2 Euro (+ 3 Euro Versand) und ich muss sagen, dass sich jeder Cent doppelt und dreifach gerechnet hat. Ein Meisterwerk der Literaturgeschichte mit dem Prädikat: besonders wertvoll!

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