Mori Ôgai – Das Ballettmädchen – Eine Berliner Novelle

Hier mache ich mal meine Ankündigung wahr und stelle das erste Werk, das wir für das Seminar „Einführung in die moderne japanische Literatur“ lesen sollten.

Hierbei handelt es sich um Mori Ôgais Novelle „Das Balletmädchen“, der Untertitel „Eine Berliner Novelle“ lässt bereits darauf schließen, dass der Schauplatz der Handlung das wilhelminische Berlin der Kaiser-Zeit ist. Die Bedeutung dieses Werkes für die japanische Literatur kann höher kaum eingeschätzt werden, handelt es sich hierbei doch auch um ein autobiographisches Werk, dass die Japaner erstmals in Kontakt brachte mit der „Ich-Erzählung“. 1890 erschienen hatte diese Werk in Japan eine Wirkung, die mit dem „Werther“ in Deutschland zu vergleichen wäre.

Das sehr kurze Werk (67 Seiten) erzählt von der (autobiographischen) Liebe eines Japaners zu einem deutschen Ballettmädchen. Er trifft sie weinend in Berlin an und bietet ihr seine Hilfe an, egal um was es gehe. Sie hat ihren Vater verloren und sie und ihre Mutter haben kein Geld für die Bestattung, der Ich-Erzähler begleitet das Ballettmädchen also nach Hause und hilft ihnen finanziell ein wenig. Da die Beziehung zu dem Mädchen allerdings immer enger wird, wird er aus seiner Arbeit als Regierungsgesandter entlassen, denn das japanische Establishment will diese Beziehung nicht tolerieren. Nach einer Weile bekommt er aber wieder die Chance als Dolmetscher (der Autor selber war Student von Robert Koch!) Verantwortung zu übernehmen und nachdem ein Freund versicherte, dass es keine Beziehung zu einer Deutschen geben würde (die mittlerweile schwanger war), sodass sich der Ich-Erzähler mit einem Angebot konfrontiert sah, dass er nicht abgeschlagen konnte, nämlich nach Japan an den kaiserlichen Hof zurückzukehren und dort weiterer Arbeit nachzugehen. Die Zusage löste kurze Zeit später einen Schock aus, sodass er mitten in der Nacht heruntergekommen bei seinem Ballettmädchen landet, die ihn tag aus tag ein pflegt bis sie irgendwann von seinem Freund die Nachricht von seiner Zusage erhält und durchdreht.

Die Wirkung dieses Buchs ist nur allzu gut zu verstehen, denn die Beziehung zu einer Ausländerin war für Japaner eigentlich ein Tabu in der frühen Meiji-Zeit.  Diese unglücklich endende Liebe scheitert letzten Endes an dem Gehorsam des Protagonisten, der sich außerstande sieht zu widersprechen und der sich einfach in sein Schicksal fügt und die Person, die er eigentlich von ganzem Herzen liebt, verlässt. Das Ende dieser Liebe kommt allerdings sehr plötzlich auf den letzten paar Seiten und wird eigentlich nicht richtig abgeschlossen. Das Ballettmädchen wird in ihrem Irrsinn, dem sie ob dieses Schockes verfällt, allein gelassen. Die Überraschung wie schnell der Autor das Ende dieser Liebe beschreibt versetzt den Leser unwillkürlich in Überraschung, nichtsdestotrotz handelt es sich bei diesem Buch um ein lesenswertes Stück Literatur. Der geringe Umfang macht es auch Lesemuffeln sehr schmackhaft.

Das wirklich interessante an dem Buch ist allerdings der Autor. Mori Ôgai übersetzte „Faust“, Lessing, etc. ins Japanische und besaß ein außerordentliches sprachliches Talent, sodass zu seinem literarischen Vermächtnis auch ca. 130 Übersetzungen ins Japanische zählen. Wenn man sich die Lebensgeschichte dieses Mannes anguckt, so wird einem klar, welche Bedeutung er nicht nur für die japanische Literatur hatte, sondern allgemein für die Entwicklung Japans zu einem modernen westlichen Staat.

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