Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen

Mit diesem Begriff lassen sich teilweise einfachste Informations-Sendungen als diskriminierend und europa-zentriert klassifizieren. Was es damit auf sich hat…

Das beste Beispiel hierfür ist, wenn die Tagesschau über Afghanistan berichtet. „Archaisch“, „Stammesgesellschaft“, „Kriegsherren“, „Warlords“, „steinzeitliche Moralvorstellungen“. Was wird mit solchen Begriffen suggeriert? Natürlich, dass die Europäer als kulturelle Vorreiter schon diese Phase hinter sich haben. Etwas ist „archaisch“ weil es aussieht wie in der Vor-Antike, gleichzeitig ist dieser Begriff der europäischen Entwicklungsgeschichte entlehnt und damit gar nicht anwendbar auf ein Land wie Afghanistan, etc. Diese Gesellschaft ist nicht archaisch, denn sie existiert im Hier und Jetzt, trotzdem wird suggeriert, dass das eben nicht so ist und diese Höhlenmenschen in die Moderne geholt werden müssen, wo sie eigentlich doch schon sind oder heißt Moderne etwa Europa? Wie kann eine Zeit geographisch bedingt sein?

Die Zuspitzung dieser Formulierungen finden sich regelmäßig in Formulierungen über Al-Quaida und die Taliban. Osama Bin Laden lebt irgendwo in seinem Höhlensystem (wie ein Höhlenmensch) und soll von den top-modernen US-Bombern rausgebombt werden. Höhlenmensch versus Fortschritt? Ein Konstrukt. Bin Laden ist kein Höhlenmensch, der in ner Hölle hockt und mit Pfeil und Bogen Hirsche erlegt. Die Terroristen benutzen moderne Waffen, wieso sollten sie also archaisch sein? Gibt es irgendwelche Parallelen zu Terroristen im alten Griechenland? Die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen ist in sich schon ein Widerspruch, aber dieses Paradoxon wird von uns hingenommen, als wäre es absolut logisch, dass die Afghanen in unserer Vergangenheit leben.

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2 Antworten to “Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen”

  1. Peter Says:

    Schön, dass mal so gefasst zu lesen.

    Ich vermute, dass darin auch ein versteckter Wunsch steckt: „Die Afghanen leben in unserer Vergangenheit, also jetzt nicht.“

  2. adulto Says:

    Ja, der versteckte Wunsch schon und außerdem dieses pseudo-imperialistische Überlegenheitsgefühl, das wird in dieser Sprache ausgedrückt. Sowas ist aber ganz oft zu finden, auch wenn es nicht diskriminierend gemeint ist. Beispielsweise wenn die Samurai zu „japanischen Rittern“ gemacht werden. Oder versucht wird asiatische Geschichte in Antike, Mittelalter und Moderne zu unterteilen.

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