Haruki Murakami – Naokos Lächeln

Murakami Haruki gilt aktuell als der wohl beliebteste japanisch-sprachige Roman-Autor im Ausland. Ich Literatur-Banause konnte mich tatsächlich doch dazu durchringen mal 2 seiner Werke zu lesen.  „Wie ich eines schönen Morgens das 100%ige Mädchen sah“ ist eine Kurzgeschichten-Sammlung, bei der mich die titelgebende erste Geschichte komplett in ihren Bann zog, so gefühlvoll und tiefsinnig erzählt Murakami vom Verpassen der Liebe.

Dann lieh mir die gute Tzu-Yu vor einigen Monaten „Naokos Lächeln“ und Rojo „Kafka am Strand“. „Naokos Lächeln“ hab ich nun gerade zu Ende gelesen und selten hatte ich das Gefühl bei einem Buch, dass wirklich knapp 400 Seiten es absolut wert waren gelesen zu werden. Jede einzelne Seite ließ den Leser tiefer in die Realität von Tôru Watanabe eintauchen, der sich letzten Endes entscheiden muss, ob er die geistig verwirrte Naoko oder die lebensfrohe Midori liebt. Naoko liebt ihn nicht einmal wirklich, aber er liebt sie und fühlt sich verantwortlich, weil sie die Freundin seines besten Freunds Kizuki war, der sich im Alter von 17 selbst umbrachte. Dessen Tod und weitere Faktoren führen dazu, dass sich beide näher kommen und Tôru mit Naoko schläft, auch wenn Naoko nie mit Kizuki schlafen konnte. Nach diesem Erlebnis weist sich Naoko in ein Sanatorium ein, um die Ereignisse aufzuarbeiten, jedoch verschlimmert sich ihr Zustand irgendwann plötzlich und sie beginnt die Stimme von Kizuki zu hören.

Tôru wird derweil immer düsterer, ob der geistigen Erkrankung Naokos, die er aufrichtig liebt. Der einzige Hoffnungsschimmer ist Midori, die trotz des Todes beider Eltern die Lebensfreude nicht verliert, immer wieder perverse Späße macht, Pornos guckt und säuft. Tôru merkt erst als sie sich von ihm distanziert, wie sehr er Midori braucht, denn Naoko sieht er nur ein mal im Halbjahr und seine Briefe beantwortet sie nicht mehr. Tôru kann Naoko jedoch nicht im Stich lassen und bittet sich von Midori Bedenkzeit. In dieser Zeit bringt sich Naoko um, sie erhängt sich im Wald, obgleich sie am Abend davor noch glücklich und zufrieden wirkte. Tôru gibt sich selbst die Schuld an Naokos Tod, da er sich moralisch falsch verhalten hatte, schließlich wollte er doch immer auf Naoko warten. Er reist einen Monat durch Japan und vagabundiert, erst Reiko, die Zimmernachbarin von Naoko im Sanatorium, bringt ihm die alte Zuversicht wieder. Er braucht Midori jetzt mehr als sonst, doch als er sie anruft und sie fragt, wo er ist, weiss er es plötzlich nicht mehr…

Wenn man die Geschichte auf das Wesentliche beschränken würde, wäre es prima Stoff für eine Soap oder Ähnliches, jedoch ist das Buch voller kleiner Ereignisse, detailliert und warmherzig. Es ist unglaublich wie ausgezeichnet Murakami die kleinsten Dinge beschreibt, mich hat besonders die Szene beeindruckt, in der Tôru Midoris todkranken Vater für 2 Stunden pflegt und ihm den „deus ex machina“ und Euripides erklärt, obwohl dieser gar nicht mehr antworten kann. Tôru isst einfach ein paar Gurken, weil er so großen Hunger hat und der Vater, der sonst immer das Essen verweigerte, aß durch Tôrus Appetit animiert, mit. Allein die Tatsache, dass fast sämtliche Akteure notorische Trinker oder Raucher sind (mit Ausnahme Naokos) zeigt deren psychische Labilität und ihren Drang ihr wirres Gefühlsleben zu betäuben und zu beruhigen.

Ich persönlich kann dieses Buch nur jedem empfehlen, der mal einen ganz „normalen“ Roman lesen will. Japanische Autoren werden oftmals in Deutschland exotisiert, jedoch ist dies beim belesenen Murakami auf keinen Fall der Fall. Es ist einfach ein ausgezeichnetes Buch von einem Autoren, der sich in deutscher, französischer und englischer Literatur besser auskennt als die meisten Europäer.

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2 Antworten to “Haruki Murakami – Naokos Lächeln”

  1. gbuchskandal Says:

    Dieses Buch hat mich auch total begeistert, mein Lebenspartner fand aber einige Szenen zu heftig. Und da muss ich ihm recht geben.

  2. „Norwegian Wood“ kommt in die Kinos « Adultos Blog Says:

    […] no mori in Anlehnung an den Beatles-Song „Norwegian Wood“) behandelte ich in einer kurzen Rezension bereits auf diesem Blog. Wie Herr Reich-Ranicki und Herr Karasek bereits im Literarischen Quartett […]

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