I can feel oder: Ich denke, aber bin ich?

Wenn man sich, wie ich, in letzter Zeit viel mit Diskursen und dem linguistic turn auseinandersetzt, kommt man zwangsläufig in Berührung mit linken Intellektuellen wie Foucault, Butler oder Jäger. Ein sehr treffender Aspekt, der meiner Ansicht nach sehr viel Wahrheit enthält (der Begriff Wahrheit würde natürlich diskursiv nie verwendet werden, da es keine unumstößliche Wahrheit gibt), ist eben der, dass Sprache Wirklichkeit nicht abbildet, sondern konstituiert.

Cogito e(r)go sum, „Ich denke, also bin ich“ ist für Descartes ein logischer Folgesatz gewesen. Dieser Satz wurde oftmals als Maxime verstanden, als unumstößlich, allerdings konstruiert er Wirklichkeit. Er soll Wahrheit artikulieren, ist aber allein logisch falsch. Existenz ist absolut unabhängig vom eigenen Denken, genauso wie die Existenz der Welt, Gottes und allen Lebens unabhängig vom eigenen Denken ist. (Beispielsweise ist die Existenz Gottes unabhängig davon, dass Nietzsche sagt „Gott ist tot“ oder dass Feuerbach Gott als Gedankenkonstrukt des Menschen definiert.) Indem wir in sprachlichen, uns gegebenen diskurs-bestimmten Mustern Sprache im Denken verwenden, konstruieren wir lediglich für uns eine Wirklichkeit. Wer Macht über die Sprache (die Diskurse) hat, hat auch große Macht über die Wirklichkeitswahrnehmung des Menschen. Wenn ich denke, existiere ich. Was hat Denken mit Existenz zu tun?

Hier besteht meiner Ansicht nach kein logischer Zusammenhang, höchstens der, dass, wenn ich denke, dass ich existiere, ich auch in meiner Wirklichkeit dies als Wahrheit wahrnehme, unabhängig, ob es wirklich „wahr“ ist. Existenz definiert sich meiner Ansicht nach (als Gegensatz) über Tod. Ich bin nicht tot, also existiere ich, ist allerdings eine sehr merkwürdige Existenzdefinition. Ich bin über das Lied „I can feel“ von Hyde zum interessanten Gedanken inspiriert worden, dass sich Existenz über Gefühle, Empfindungen und Schmerz definieren lässt. Nun musste ich da u. a. an den klischeehaften Satz von jungen Borderlinern „Ich möchte fühlen, dass ich existiere.“ denken, selbstverletzendes Verhalten hängt oftmals wirklich mit diesem Wunsch zusammen, dass man die eigene Existenz wieder fühlt. Wieso heißt der Satz dann nicht: Ich fühle, also bin ich? Logisch gesehen lässt sich Existenz wohl nur durch sich selbst begründen, allerdings finde ich den Gedanken sympathisch, dass nicht die Gedanken mehr unsere Existenz in den engen Mustern der Sprache bestimmen, sondern dass es positive und negative Gefühle sind. Im Endeffekt brauchen wir hierzu kein einziges Wort, wir fühlen unsere Existenz und dann ist echt auch einfach mal schön, wenn wir dieses Gefühl nicht in unsere sprachlich bestimmte Wirklichkeit packen wollen. Dennoch habe ich den englisch-japanischen Text von Hyde ins Deutsche übersetzt, um mal meinen Denkanstoß zu verdeutlichen. Ja, wissenschaftliche Diskurse und Pop-Musik zu verbinden, das ist doch mal eine Leistung.

I can feel – Hyde (eigene Übersetzung)

Fühlen, ich kann dich spüren – die Glückseligkeit, deinen Kuss
Ich kann es nicht glauben – könnte dies Schicksal sein?

Wenn ich dem Körper das Gefühl einer Umarmung vermittele surprise
Beim Aussetzen der Schwerkraft steigt auch die Seele auf

Du bist Teil von mir
wir verschmelzen miteinander
Die Geheimnisse des Lebens, nein,
keines scheint wichtig zu sein.
Ich kann fühlen Ich kann fühlen
Ich kann fühlen Ich kann fühlen
Auf diese Zeit wartend
Ich kann fühlen Ich kann fühlen
Ich kann fühlen Ich kann fühlen
Jetzt gehört diese Wahrheit mir

Ich habe dich hier so nah nicht wahrgenommen
Wörter, wir brauchen sie nicht –
diese Suppe der Seele

Ich konnte es nicht lösen
Das Puzzle des Herzens complete
Das letzte Puzzle-Teil wurde jetzt
eingebettet so sweet

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4 Antworten to “I can feel oder: Ich denke, aber bin ich?”

  1. Anti Says:

    Hm Welle: Erdball haben das glaub ich alles in einfacheren Worten ausgedrückt :o)

  2. adulto Says:

    Welle: Erdball sind auch keine Japanologie-Studenten an der HHU (haben hier aber viele Fans). ^^

  3. Ani Says:

    Wundervolles Lied 🙂

  4. adulto Says:

    und wie…

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