Zwei kurdische Fabeln

Es war einmal ein Küken, das von seiner Mutter das Fliegen beigebracht bekam. Nach einiger Übung sagte die Vogelmutter: „Nun, jetzt kannst du fliegen, du bist frei und kennst keine Grenzen mehr, aber ich will dir noch über das Leben erzählen, damit du keine Fehler machst.“ Das Küken war immer eigensinnig gewesen, dennoch ließ es zu, dass die Mutter vom Leben erzählte. So erfuhr das Küken, wo es Essen zu holen gab, worauf es beim Fliegen achten sollte und solche Dinge. Dann erzählte die Mutter von den Menschen. „Wir leben in der Stadt, überall sind Menschen, wir leben mit ihnen und von ihnen. Wenn du allerdings immer Angst haben wirst vor den Menschen, wirst du ein Leben in Panik führen. Gewöhne dich besser schnell daran, dass es Menschen gibt. Meistens bemerken sie dich nicht einmal, du brauchst nicht immer wegfliegen, sogar wenn sie in deiner Nähe sind.“ Das Küken lauschte aufmerksam und verstand, was die Mutter sagen wollte. „Aber wenn du einen Menschen siehst, der sich zum Boden bückt, flieg sofort weg!“, sagte die Mutter. „Wieso?“, fragte das pflügge Küken. „Es kann sein, dass die Menschen, besonders die Kinder, sich nach einem Stein bücken, um ihn nach dir zu werfen. Also sei auf der Hut, wenn sie sich zur Erde hin bücken.“ „Glaubst du, Mutter, dass die Menschen einen Stein aufheben wollen? Vielleicht wollen sie etwas ganz anderes machen.“ „Glaub mir, Kind, es ist das Beste, wenn du wegfliegst! Sieh mich doch an, ich lebe doch, also habe ich nichts falsch gemacht.“ Das Küken war aber uneinsichtig und wollte sich nicht von seiner Mutter bevormunden lassen. „Was ist, Mutter, wenn der Mensch unter seiner Achsel einen Stein hätte und dorthin greift, um ihn nach mir zu werfen?“ „Glaub mir, Kind, ich kenne die Menschen, sie tragen keine Steine in der Achsel versteckt.“ „Wie kannst du das wissen, man hat ihn nie nach dir geworfen, du kannst doch auch nicht wissen, ob die Menschen einen Stein vom Boden aufheben, wenn nie einer nach dir geworfen wurde!“ Die Mutter sagte: „Okay, Kind, ich gebe auf, tu was du für richtig hälst. Ich habe versucht dir meine Erfahrungen zu vermitteln, aber du willst nicht begreifen, also musst du deine eigenen Erfahrungen machen.“

Es war einmal ein Vogel, der legte nur schwarze Eier. Er fragte sich: ‚Wieso sind meine Eier schwarz und die Eier der anderen weiß? Ich will keine schwarzen Eier mehr legen müssen.‘ Also fragte der Vogel alle anderen Vögel um Rat und wollte wissen, was er denn machen könne, aber er erhielt keine befriedigende Antwort. Also entschloss er sich weit nach oben zu fliegen, so hoch wie noch nie ein Vogel von seiner Sorte geflogen ist. Am Gipfel eines hohen Berges legte der Vogel ein Ei und hoffte, dass es nicht mehr schwarz sein möge. Das Ei war aber wieder schwarz und der Vogel verfluchte sein Unglück, er flog weiter bis zum entferntesten Strand der Welt und dachte: ‚Wenn das Ei hier an diesem wundervollen Strand nicht weiß wird, dann weiss ich auch nicht.‘ Das Ei war wieder schwarz und der Vogel verzweifelte allmählich. Dann hatte der Vogel doch noch eine rettende Idee. „Ich buddele ein Loch, das so tief ist, wie noch kein gebuddeltest Loch vor ihm“, sagte der Vogel zu sich selbst. Als das Loch nach Wochen fertig war, legte er ein Ei hinein, doch es war wieder schwarz. „Was soll ich nur tun!?“, schrie der Vogel in die Welt hinaus. Dann hörte er von einigen Zugvögeln, dass es eine sehr weise, alte Eule geben soll, die er um Rat fragen könnte. Als er die Eule fragte, wieso die Eier immer schwarz wären, sagte diese aufgebracht: „Schau dich an, egal wohin du fliegst, egal wohin du gehst, du schleppst deinen Arsch immer mit dir!“

Die erste Fabel soll sagen, dass es egal ist, welche Ratschläge man auch immer erhält. Solange innerlich ein Widerstand gegen jeden gut gemeinten Rat herrscht, bringt es nichts. Vielleicht ist es gut eigene Erfahrungen zu sammeln, vielleicht aber bliebe einem auch eine sehr schlechte Erfahrung erspart. Das muss man aber für sich selbst entscheiden.

Die zweite Fabel drückt aus, dass man nicht vor dem, was man mit sich herumträgt fliehen kann. Man kann es versuchen, aber wenn die Flucht nicht funktioniert, muss man sich abfinden und es akzeptieren. Alles, was wir in uns tragen, alle Gefühle für Menschen, Liebe, Hass, Eifersucht, all das tragen wir mit uns herum, es macht keinen Sinn davor fortzulaufen, wenn man merkt, dass man diese Dinge eh nicht los wird.

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