Die Erinnerung als Alptraum

Ja, ich entsinne mich an einen Blogeintrag, den ich einst schrieb, nachdem ich ein Fotoalbum voller Erinnerungsfotos erhielt. Damals hängte ich immer noch dem Spruch „Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können“ (Jean Paul) nach. Anti kommentierte damals, dass nicht alle Erinnerungen schön sind und das es durchaus Dinge gibt, die man einfach vergessen möchte. Damals war ich verliebt, naiv vielleicht auch. Heute wäre eben das gleiche Album ein Alptraum und kein Paradies mehr. Ich verstehe, dass ich mir den Schmerz nicht ersparen kann, aber wenn ich mal wieder einen alten Brief finde oder alte Fotos von ihr sehe, dann wünschte ich, dass ich einfach meinen Kopf ausschalten könnte. Damit ich nicht mehr daran denken müsste, was früher war und was heute ist. Die Versuchung ist groß, einfach alles zu löschen und alles wegzuwerfen, würde der Schmerz dann vergehen? Vielleicht wäre es einfacher, aber im Endeffekt würde es gar nichts ändern. Ich habe nun aber wohl verstanden, dass Erinnerungen eine zweiseitige Medaille sind. Das gleiche Fotoalbum, das mich vor über nem Jahr noch so glücklich gemacht hat, ist nun ein Alptraum, weil es schmerzt daran erinnert zu werden, was man nicht haben kann und was man verloren hat. Es war bisher egal, was alle meine Freunde sagten, egal wie sie mich unterstützten, in meinem Kopf blieben die Erinnerungen hängen wie Sirup. Im Augenblick steh ich vor einer schwierigen Situation, ich weiss eigentlich nicht, was ich machen soll. Ich will im Augenblick nur keine Schmerzen mehr fühlen, ich möchte nicht, dass ich lache bis plötzlich ein alter Brief von ihr auftaucht, den ich mir durchlese und bei dem ich einfach alles kurz und klein schlagen will. „Shitsuren“ ist die Vokabel, die das auf Japanisch beschreiben würde. Es wird alles sicher besser werden, ich sollte nicht so viele Ansprüche stellen oder denken, dass nach einem Tag alles wieder okay ist, aber mit jedem Tag werde ich ungeduldiger und merke, dass die Gefühle bleiben und immer dann wieder hochsteigen, wenn ich einen Brief oder ein Foto sehe. Die Erinnerung ist kein Paradies, aber es stimmt, man kann uns nicht aus der Erinnerung vertreiben. Die Erinnerung bleibt, manchmal ist sie Hölle, manchmal Himmel. „Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt“, so ist es mit dem menschlichen Leben und der menschlichen Erinnerung.

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4 Antworten to “Die Erinnerung als Alptraum”

  1. Anti Says:

    Ich weiß nicht ob du dazu übrhaupt einen Kommentar lesen willst, aber ich glaub jeder der so eine Trennung hat wird dich verstehen…lass den Kopf nicht hängen.

  2. Peter Says:

    Ich will dir keinen Ratschlag geben, da Ratschläge auch Schläge sind. Aber: Es hilft nichts, zu hadern. Es hilft nichts, materielle Erinnerungen zu vernichten (es ist viel mehr eventuell später einmal schade, wenn man es tut).

    Ablenkung ist die Devise. Verarbeitung ja, es geht nicht ohne, aber wenn man dann einigermaßen damit durch ist, alles zu analysieren, sollte man sich ablenken. Neues Hobby. Mehr ins Studium stecken. Sich, wenn man allein ist – oder fühlt, weit weg in absurden Gedankengebäuden verstecken – mir hilft das zumindestens..

  3. adulto Says:

    Pete hat Recht, es geht bei mir eigentlich auch nicht primär jetzt darum, dass es mir dauernd schlecht geht. Es geht viel mehr um Momente, die mich dann für eine Weile runterziehen. Die Erinnerung zu vernichten macht keinen Sinn, aber man kann sie sich aus seiner unmittelbaren Entfernung fern halten. Im Augenblick gehts mir eigentlich sehr gut, is halt immer punktuell unterschiedlich.

  4. Frau*Seltsam Says:

    Mit den Erinnerungen ists wie mit den Nächten, wo wir uns an bestimmten *Fotos* (ach was ,) festhalten .. es geht uns richtig schlecht.. und auch doch wieder gut.. eine seltsame Art des Genusses (ich glaub, wir haben schon oft darüber indirekt -sinniert-) ..

    Ich denke, Erinnerungen, die wehtun. werden es immer.. da kann man nichts dran deuteln. .aber vermutlich sind selbst die zu irgendwas nütze…

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