Selbsthypnose und Erwachen

In Sabus Yakuza-Film „Unlucky Monkey“ gibt es eine Szene, in der der Protagonist nach dem versehentlichen Mord an einer Frau sich selbst die Schuld wegzureden versucht. Dieser Monolog ist einfach klasse, denn der Protagonist meint plötzlich die Verlogenheit der Menschheit zu erkennen. Im Krieg schlachtet man Leute ab und wird dafür sogar belohnt und jetzt soll er sich für eine dumme kleine Hausfrau, ein kleines Rädchen in der Gesellschaft, verantwortlich fühlen. Die Menschen töten doch dauernd, was ist da der Unterschied zu seinem Mord? Letzten Endes kommt er durch diese Form der Selbsthypnose zum abstrusen Schluss, dass sie sterben wollte und er eigentlich das Opfer einer gesellschaftlichen Verschwörung gegen ihn ist. Sabu lässt den Protagonisten aber am Höhepunkt dieser Selbsthypnose erwachen. Denn der Protagonist schaut auf und sieht den Geist der Toten an sich vorübergehen. Das ist sein Erwachen.

Diese Szene ist sinnbildlich für ein Phänomen der Menschen. Wir hypnotisieren uns selbst, wenn wir ein emotional schwerwiegendes Ereignis verdauen wollen, der Mord ist jetzt vielleicht ein Hardcore-Beispiel, aber es wird so doch verdeutlicht, wie der Mensch mit solchen Dingen umgeht. Man belügt sich unter Umständen selbst. Objektiv und mit Abstand kann man die Situation sicherlich nicht mehr analysieren. Man fasst einen Gedanken, einen Eindruck, eine Erinnerung und baut sich ein Luftschloss draus. Es kann dabei in zwei Richtungen gehen: nostalgische Verklärung („ach, war das schön“) oder übertriebene Verdammung („verfluchte Scheiße, war das bescheuert“). Ich spreche von Selbsthypnose, weil ich denke, dass man genau wie ein Hypnotisierter einfach einen Weckruf braucht,  um aus diesem Eskapismus wieder in die Wirklichkeit zurückzukehren. Mit diesem Erwachen kann man endlich wieder klar sehen. Man versteht alles objektiv, früher war nicht alles schlecht, aber auch nicht alles gut. Die Welt ist nicht schwarz-weiß, so denken nur Kinder. Der Wert der Vergangenheit für unsere Gegenwartist kaum zu beschreiben, da wäre es schade, wenn wir uns alles als Verschwörung des Schicksals gegen uns sehen würden. Ich hatte mein Erwachen und bin froh drüber. Ich wünsche jedem anderen auch so ein Erlebnis, denn es ist, als würde man endlich wieder sehen wie die Wirklichkeit ist (bzw. nicht mehr so subjektiv wie vorher).

Dass Sabu die Erkenntnis der Wirklichkeit auf dem Höhepunkt der Vergangenheits- und eskapistischen Selbstverleugnung ansetzt, ist erzählerisch ein großartiger Griff. In dem Moment, in dem das schöne Luftschloss gerade fertig ist, stürzt der Protagonist härter denn je zu Boden. Das Erwachen war in diesem Moment schmerzvoll, aber notwendig, denn irgendwann bricht auch das schönste Luftschloss zusammen.

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2 Antworten to “Selbsthypnose und Erwachen”

  1. thielus Says:

    Sehr interessanter Beitrag. Ich persönlich glaube, dass der Mensch einen gewissen Grad von Selbsttäuschung braucht. Das fängt am berühmten „Die Klausur ist ja erst in zwei Wochen“ an und hört beim „Sie lernen hier nicht zu töten, sondern das Land zu verteidigen“ beim Militär auf. Menschen brauchen manchmal klare Schwarz-Weiß-Konturen und solange sie keine Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika sind, ist das auch in gewissen Graden völlig ok.

  2. Blessing Bell (幸福の鐘) von sabu « Adultos Blog Says:

    […] einem von mir hoch geschätzten Regisseurs, der ebenfalls die Filme “Monday”, “Unlucky Monkey” und “Postman Blues” abgedreht hat und den man in das Genre […]

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