Urlaub in Polen oder: Zeit zum Nachdenken

Nun ja, ich war also die letzten 2 1/2 Wochen in meiner trauten Heimat. Weiss nicht, kann ich in diesem Bezug überhaupt von Heimat sprechen? Jedenfalls bin ich dort gewesen, wo ich geboren, getauft und die ersten drei Lebensjahre aufgewachsen bin: in Oberschlesien im heutigen Polen. Die Zeit dort war eigenartig, mal schön, mal nervig. Es war schön nach der Lernerei mal einfach die Birne durchzulüften und den Kopf freizukriegen von Prüfungen und Uni. Andererseits war die Denkweise der Menschen dort und eine mir bisher kaum erschlossene Sprache doch ein Grund zu sagen: Hierher komme ich nicht wieder zum Leben zurück, das ist nicht meine Heimat.

Schön war, dass eigentlich keine Langeweile aufkam, ich hatte Akiko dabei, war öfter mal zu Besuch bei Verwandten, außerdem hatte eine polnische Freundin direkt am ersten Abend, an dem ich da war, Kontakt mit mir aufgenommen und mich in die erstbeste Disko geschleppt. Disko in Polen… nun ja, bin nicht so der Fan von Dance oder elektronischer Musik, aber zur Disko geh ich dann doch auch mal ganz gern, um mal ein wenig Spaß zu haben. War in den 2 1/2 Wochen wohl 5 oder 6 Mal in der Disko. Der Grund? Es ist einfach saubillig. Der Eintritt kostet umgerechnet 3 Euro, ein großes kühles Bier vom Fass 1 Euro. Wieso also nicht zur Disko? ( Außerhalb der Disko ist das Preisniveau allerdings nahezu identisch mit deutschen Preisen…) Drei verschiedene Diskotheken hab ich mir ansehen dürfen. Budkowice, Opole und Bierdzany, allesamt zwischen 15 und 30 Kilometer weg von meinem Heimatdorf Pustkòw. Dank eines freundlichen Vaters aber kein Problem, wenn man auch mal bis 3 Uhr morgens durchtanzen wollte.

Geschlafen habe ich dann auch immer ordentlich bis in die Mittagsstunden, nur manchmal hatte ich morgens das seltsame Gefühl aufstehen zu müssen und war dann um 9 Uhr schon auf den Beinen. Meine Oma, mit der ich aus Deutschland angereist war, hatte mich ordentlich mit Futter versorgt, sodass ich keinen Hunger leiden musste, aber auch nicht total vollgestopft wurde mit Fressalien. Wir waren eigentlich angereist zur Ablass-Feier (ohne Scheiß, auch wenn keine Ablässe mehr verkauft werden) meiner Taufgemeinde im ehemaligen Hitlersee (heute: Szczedrzyk). Die Ablass-Feier ist eigentlich ein lustiges Fest mit Achterbahnen, Bierbuden und Ess-Ständen. In Szczedrzyk gab’s dazu noch ein Programm mit schlesischen Witzen (Schlesisch unterscheidet sich derbe vom Polnischen, weil es einen starken Einfluss aus dem Deutschen hat und die Aussprache und Grammatik sich unterscheiden. Ich für meinen Teil verstehe Schlesisch, habe aber deshalb Probleme mit dem Hoch-Polnischen.) und Musik. War alles in allem super, auch wenn es regnete, war am Sonntag viel los und der Platz voll. Nach 4 1/2 Bier musste ich auf Geheiß meiner weiblichen Begleiterinnen dann auch mit dem Trinken aufhören, weil wir ja mit dem Fahrrad da waren.

Die Besuche bei meiner in Polen lebenden Oma waren dagegen weniger erfreulich und auch nicht feucht-fröhlich (nach einem Saufgelage bei meinem Onkel haben wir alle brav gelogen, dass wir auch nicht ein einziges Bier angefasst hatten, obwohl es wirklich mehrere Liter waren…). Es hat mich einfach genervt, das Gerede von Polen, Schlesien und Deutschland. Scheiß auf Nationen. „Adam, heirate doch eine Polin!“ Ja, Arschlecken! Es gibt auf der ganzen Welt schöne Frauen, wieso sollte ich dann ausgerechnet eine Polin heiraten? Ja, diese Frage beantwortete meine Oma gleich mit selbst: „Es kommen alle wieder zurück aus Deutschland.“ Zur Hölle. Wofür sind die Leute ausgewandert und wofür leben die Leute seit Jahrzehnten nunmehr da in Deutschland, wenn es doch so scheiße ist in Deutschland? Ich für mein Stück komme nicht zurück, das habe ich ihr auch klar gemacht. Im Gegensatz zu meinen vorbildlichen Cousinen, die ja auch polnische Zeitungen lesen. Sowas zu hören, ich weiss nicht, es kotzt mich einfach an. Ich interessiere mich sehr für die polnische Sprache, aber ich werde doch nicht Polnisch lernen, um wieder zurückkommen zu können. Dann müsste ich doch eher nach England, Südamerika, Frankreich oder Japan auswandern. Dieser nationale Müll kotzt mich an. Heimat ist nicht da, wo du geboren bist, sie ist da, wo du dich heimisch fühlst. Das wurde mir in Polen schnell klar, ich kann mich verständigen, aber ein einfacher Einkauf gerät zum Abenteuer. Selbst wenn ich an der Bar nen Tequila bestelle, wenn die Bedienung fragt, was für einer, muss man die Frage auch erstmal verstehen. Sieht so Heimat aus? Ich hoffe, mein Vater, meine Familie kehrt nie zurück. Unsere Heimat ist nicht mehr diese Welt.

Radio Marya ist im übrigen der liebst gehörte Sender meiner Oma. Wer damit nichts anfangen kann: es ist der Sender, der rechts-religiös eingestellt ist und die Basis für den Erfolg der Kaczynski-Partei bei Präsidentenwahl und Parlamentswahl bildet. Ich bin froh, dass ich die ganze Scheiße, die da gelabert wird, nicht verstehe. Es ist Gehirnwäsche, unkritisch erzogene Leute glauben alles, was ihnen gesagt wird. Die Todesstrafe ist gut, die Globalisierung ist unser Feind, die Russen und Deutschen schließen uns wieder ein. Tatsächlich finde ich aber, dass für den polnisch-deutschen Austausch viel zu wenig getan wird. Wenn man bedenkt, dass Kinder in Polen schon in der 2. oder 3. Klasse Deutsch als erste Fremdsprache lernen, dann versteh ich nicht wieso nur ein verschwindendes Häuflein Schüler in Deutschland überhaupt Polnisch lernt. Kultureller und sprachlicher Austausch und damit Versöhnung mit Frankreich hat geklappt, aber die Polen fühlen sich immer noch als zweitklassige Nachbarn, dabei wäre Aussöhnung mit Polen viel wichtiger und notwendiger, schließlich geschahen auf (heute) polnischen Boden die schrecklichsten Verbrechen der Nazis. Fast jede polnische Klasse fährt wenigstens ein Mal nach Ausschwitz, eigentlich müsste jede deutsche Klasse dorthin. Soll man sich da noch ernstlich wundern, dass der Nationalismus in Polen grassiert. Oder wie meine Oma sagt: „Deutsches Geld ist willkommen, Deutsche aber nicht.“

Ich hatte kein Problem damit, während der Zeit mein Polnisch auszufeilen, auch wenn meine Grammatik ein Massaker ist. Aber so ist es nun mal, wenn ich in Polen bin, möchte ich nicht unbedingt Deutsch sprechen, es ist irgendwie komisch. Ich will mich einfach bemühen und zeigen, dass ich nicht einfach die deutsche Sprache runterlabere und die anderen schauen sollen, ob sie mich verstehen. Jeder ist im Ausland Ausländer, oder nicht? Polnisch ist verdammt heavy, aber mal wieder was Anderes, auf sowas steh ich (studier ja net umsonst Japanologie). Bei 7 statt 4 Fällen verliert man auch mal leicht den Überblick, wenn man dann noch die Verben und Adjektive an das Geschlecht des Sprechers bzw. Angesprochenen anpassen muss, wird’s richtig lustig. Trotzdem würde ich so gerne dieses Semester einen Polnisch-Sprachkurs an der Uni besuchen, wenn dies zeitlich nur nicht so kompliziert wäre.

Nun ja, Polen. Ein Land mit Löchern in den Straßen, aber auch mit Prachtvillen. Offene Menschen und starrsinnige Leute, die entweder denken, Deutschland ist das Beste oder Polen ist das einzig Wahre. Nationen können einen so ankotzen, wenn sie so undifferenziert dargestellt werden. Ich hatte kein Internet und kein Fernsehen, aber etliche andere haben es. Ich komme halt nur zu Besuch, wofür brauch ich da ne DSL-Leitung? Ich hab viel Zeit mit polnisch reden und Gitarre spielen verbracht. Ich habe viel nachgedacht, viel Spaß gehabt und mich herrlich erholt, auch wenn mich manche Sachen aufregten, würde ich doch gern wieder nach Polen fahren. Es ist einfach doch irgendwo etwas anderes als Urlaub an der spanischen Küste, es ist ruhiger und einfach anders.

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2 Antworten to “Urlaub in Polen oder: Zeit zum Nachdenken”

  1. Peter Says:

    Ich sehe: Auch in zwei Wochen ohne Netz hat der feine Herr das Schreiben nicht verlernt.
    (Inhalt war ja sonst schon bekannt 😉 )

  2. Stefan Says:

    Schöner Text. Urlaub Polen scheint zwiespältig zu sein, wenn es um die eigene Verwandtschaft geht. Weiterhin viel Spaß mit japanisch.

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