Kosovo – ein umstrittener Staat

Am 15. Juni 2008 verabschiedete der Kosovo seine Verfassung, nachdem der Staat sich am 17. Februar 2008 für unabhängig erklärte. Hiermit möchte ich einen kleinen Beitrag leisten, damit man die Staatsbildung des Kosovo vielleicht ein wenig besser versteht. Geht der jüngste Staat Europas einen „Sonderweg“?

Der Begriff „Sonderweg“ entstand im Zusammenhang mit nationalistischer Geschichtsschreibung, die die deutsche Geschichte als „Sonderweg“ (Hervorhebung der Einzigartigkeit einer nationalen Geschichte) beschrieb. Im Grunde genommen ist das aber nur eine Metapher ohne wissenschaftliche Gründe und Hintergründe. Eigentlich hat jeder Staat seinen „Sonderweg“. Überall gibt es eigene Kuriositäten.

Kurios ist, dass es unter gesetzlichen Feiertagen, Tage für jede Minderheit und auch einen „Tag der Albaner“ gibt, aber es gibt keinen „Tag der Serben“, obwohl sie die bedeutendste Minderheit sind. Diese Sache hängt mit den Massakern an Kosovo-Albanern zusammen, die im Kosovo-Krieg von paramilitärischen Serben und Milosevics Armee verübt wurden. Für die Kosovo-Albaner ist die Flagge des Kosovo die albanische, aber offiziell ist die Flagge gleich mit der UNO-Flagge, nur dass in der Mitte die Silhouette des Kosovos zu sehen ist.

Der Name „Kosovo“ hat schon eine lange Geschichte. Ein ehemaliger Präsident schlug vor, das Land „Dardanien“ zu nennen, was abgeleitet von den Illyrern ist, bei denen es ein Volk der Dardana gab. Die Gebietsbezeichung „Kosovo“ gab es erst im Osmanischen Reich, im 10. Jahrhundert gehörte das Gebiet zu Bulgarien, dann wurde es für zwei Jahrhunderte Teil des Byzantinischen Reichs. Die Serben unter Stefan Dusca machten das Kosovo dann zum Zentrum serbischer Kultur. Seit dieser Zeit befinden sich die bedeutendsten Denkmäler serbischer Kunst im Kosovo, damit wiederum begründen die Serben ihren Anspruch auf das Kosovo. Ein weiterer Aspekt ist, dass auf dem „kosovo polje“ die heroische Niederlage der Serben und ihrer Verbündeten gegen die Osmanen statt fand. (Schlacht auf dem Amselfeld) Der serbische Fürst Lazar starb bei dieser Schlacht, wurde später von der serbisch-orthodoxen Kirche heilig gesprochen und seitdem als Nationalheiliger verehrt.

Die Schlacht auf dem Amselfeld ist seitdem ein Mythos des Serbentums, weil die Serben am meisten unter den Osmanen leiden mussten. Die Bedeutung des Kosovo für die Serben entsteht also durch die vielen serbischen Kulturgüter und den Nationalmythos von der Schlacht auf dem Amselfeld. Die Mehrheit der Bevölkerung war meist serbisch und die Serben pochen auf das historische Recht auf den Kosovo, weil sie die Ersten dort waren. Die Albaner behaupten das Gleiche und meinen, dass sie nur von den Serben verdrängt wurden.

Die Niederlage der Osmanen 1683 vor Wien ist eine Wende für die Serben im Kosovo. Sechs Jahre später haben die Österreicher die Osmanen bis zum Kosovo zurückgedrängt. Serbische Familien aus dem Kosovo schlossen sich den Österreichern an und emigrierten nach Süd-Ungarn, sodass der Anteil der Albaner im Kosovo immer mehr zunahm. Mitte des 18. Jahrhunderts waren die Serben schon nicht mehr die Mehrheit im Kosovo. Insbesondere im 20. Jahrhundert im Staat Jugoslawien vermehrten sich die Albaner im Kosovo. Der nationale Mythos der Schlacht auf dem Amselfeld ist eng verbunden mit der serbischen nationalen Wiedergeburt. Als serbische Nationalisten das Dusca-Reich 1844 restaurieren wollten, wurde der Kosovo als Alt-Serbien angesehen. (Genauso wie Mazedonien.) Es gab nur „Südserben“ und nicht Albaner oder Mazedonier. Im Balkankrieg gab es allerdings Massaker an den sogenannten „Südserben“, was schon ziemlich paradox scheint.

Serbische Historiker bemühen sich das historische Vorrecht über den Kosovo zu beweisen, wie das auch albanische Historiker tun. Seit der nationalen Wiedergeburt gibt es schon diese Kontroverse zwischen Albanern und Serben. Das groß-serbische Streben („ein Staat, ein König, ein Volk“) nahm keine Rücksicht auf die albanisch-serbische Symbiose im Kosovo. Vor 9 Jahren setzte dann eine massive Flucht vor den serbischen Truppen Milosevics ein und da das Kosovo seit den Balkankriegen wieder serbisch war, sah Milosevic sich als „Befreier des Kosovo“, obwohl die Albaner doch die Mehrheit der Bevölkerung waren.

Schon 1921 waren in drei Bezirken 60-65 % Albaner, in den westlichen Bezirken waren es sogar 80 % Albaner, obwohl es eine katholische Minderheit bei den Albanern gibt (50 000 Personen) sind über 70 % der Kosovo-Bewohner Muslime.

Man muss sich bewusst sein, dass es ohne den Einfluss der europäischen Großmächte keine Nationsbildung auf dem Balkan hätte geben können. So war auch die Annexion des Kosovo 1913 durch Serbien durch die Großmächte unterstützt worden. Schon 1913 gab es allerdings blutige Kämpfe zwischen Serben und Albanern im Kosovo, im Zweiten Weltkrieg wurden in diesem Gebiet die Kämpfe nochmal um einiges grausamer. Diese Ereignisse sind sicherlich eine Parallele zu den Ausschreitungen im Kosovo-Krieg vor neun Jahren.

Ein österreicher Generalkonsul hörte in Skopje von einem serbischen Feldwebel über das Vorgehen der Serben gegen die Albaner im Jahr 1913. Man sperrte die Dörfer ab, erschoss erstmal alle Männer, legte dann Brände und zwang die Frauen und Kinder in die brennenden Häuser. Die serbischen Offiziere wollten die Tötung der Frauen und Kinder allerdings nicht mit ansehen und zogen sich zurück. Ein österreicher Sozialist bezeichnete das als „Albaniens Golgatha“. Auch Leo Trotzki war Korrespondent auf dem Balkan für russische Zeitungen und prangerte die ethnischen Säuberungen der Serben an.

Das Kosovo ist keinesfalls Wiege der serbischen nationalen Wiedergeburt, denn diese Bewegung ging von den Serben aus, die in Österreich-Ungarn lebten. Die Impulse für die albanische Nationsbildung ging allerdings im Jahr 1878 vom Kosovo aus. Damals wollten die Russen ein Großbulgarisches Reich und die anderen Mächte hatten Angst vor der Auflösung Albaniens und eines zu starken russischen Einflusses auf dem Balkan. Der Berliner Kongress entschied dann aber, dass der Kosovo im Osmanischen Reich bleibt, genau wie Albanien auch. Die „Liga von Prizren“ gründete sich im Kosovo und forderte den Fortbestand des Osmanischen Reiches und den Polyethnismus. Nach dem 1. Balkankrieg entschied die Londoner Botschafterkonferenz, dass ein albanischer Staat gegründet werden soll, der allerdings nur 50 % der Albaner in sich vereinte. Sogar der britische Außenminister sagte, dass die ethnischen Aspekte keine Rolle bei der Grenzziehung spielten, so blieben die ethnischen Konflikte bis heute erhalten. Die heutige albanisch-serbische Grenze stimmt mit der von 1913 überein. Die Kontroverse um diese Grenze förderte den Hass und Krieg, was wiederum zeigt, dass nationale Symbolik nicht zu unterschätzen ist.

Bis Ende der 1920er Jahre gab es einen Guerillakrieg der Kosovo-Albaner gegen die Serben. Mussolini gliederte im Zweiten Weltkrieg das Kosovo an Albanien an und erschuf so ein Großalbanien, aber nur weil der König von Italien automatisch auch König von Albanien wurde. Als Italien als Verbündeter Nazi-Deutschlands ausschied (1943) übernahmen die Deutschen das Gebiet und durch die italienische und deutsche Propaganda waren die Kosovo-Albaner stark gegen den Guerillakrieg Titos. Die kommunistische Partei Albaniens wollte eine Volksfront aufbauen und sie forderten eine Großalbanien mit dem Kosovo als Teil Albaniens. Tito wollte den albanischen Kommunisten ihren Wunsch erfüllen, falls sie in Albanien die Macht übernehmen würden und unterzeichnete darum sogar ein Abkommen mit den Albanern. 1945 behielt Tito allerdings das Kosovo, als hätte er das Abkommen nie geschlossen, das zeigte allerdings, dass die albanischen Kommunisten als „Tochter-Partei“ von Titos Kommunistischer Partei zu schwach waren, um sich gegen Tito durchzusetzen. Als Tito 1948 mit Stalin brach, forderten die albanischen Kommunisten einen Kampf der Kosovo-Albaner gegen Jugoslawien. So erhoffte man sich ein Großalbanien. Tito wurde nach dem Bruch mit Stalin von den albanischen Kommunisten als „Faschist“ bezeichnet.

Der Kosovo hat eine neue Nationalhymne, allerdings ist diese noch ohne Text, da man nicht weiss, welche Sprache man nehmen soll. Sie heißt „Europa-Hymne“, weil man den Europäern sehr dankbar ist. Die Hymne zeigt natürlich auch, dass das Kosovo schon alle Elemente eines modernen Staates hat. So lässt sich als Fazit ziehen: Die Prozesse zur Staatsbildung sind überall ähnlich, aber es gibt doch auch Kuriositäten, die sich von Staat zu Staat unterscheiden.

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