Der „Große Terror“ unter Stalin 1937/38

Heute hab ich dann mein Referat zum stalinistischen Terror hinter mich gebracht. Komischerweise entwickelte diese perverse Tötungsmaschinerie für mich eine grausame Faszination zu der Zeit, zu der ich mich mit diesem Thema auseinandersetzen musste. Abseits von Wikipedia (sucks!) fand ich in einigen geschichtswissenschaftlichen Abhandlungen interessante Ansichten und Fakten zum Terror unter Stalin, sodass ich mir ein ziemlich gutes Wissen zu dem Thema aufbauen konnte. (Welches die Oberflächlichkeit des Wikipedia-Artikels offensichtlich werden lässt.) Wieso sollte man sich denn überhaupt mit dem Terror befassen? Also gäbe es eine Top 3 der grausamsten Diktatoren, so müsste Stalin neben Hitler und Mao eine absolut grausam-ebenbürtige Rolle spielen. Wenn man sich nur oberflächlich mit dem Stalin-Terror auseinandersetzt, wird die gesamte Perversion dieser Willkür nicht annähernd deutlich. Ich habe mich jetzt noch speziell mit der Rolle der Russlanddeutschen in der Sowjetunion während des Großen Terrors beschäftigt.

Man kann den Terror unter Stalin grob in zwei Richtungen teilen. Ein Mal die „Große Säuberung“ (russ. Tschistka genannt), mit der der Terror im Staats-, Militär- und Parteiapparat gemeint ist. Zweitens dann der Terror gegenüber der Bevölkerung, der dann auch Jeschowschina genannt wird. (Nach dem NKWD-Chef Jeschow, der das Kommisariat für Inneres von 1936-38 leitete. ) Von der Großen Säuberung konnten so ziemlich alle (außer Stalin) betroffen sein. Diese Wahllosigkeit unterscheidet sie von früheren Säuberungen im Parteiapparat. Formeller Anlass war der Mord am Leningrader Parteisekretär Kirov 1934, der eigentlich das Ende der Trotzkisten- und Kulakenverfolgungen gekommen sah und deshalb eine Entmachtung der staatlichen Repressionsorgane verlangte. Diese Ansicht wurde ihm zum Verhängnis, er wurde von einem trotzkistischen Studenten (so die offizielle „Wahrheit“) in seinem Büro ermordet. Vieles deutet allerdings daraufhin, dass der Mord mit Stalins Wissen geschah und der Trotzkismus-Vorwurf nur ein Vorwand für eine neue Welle anti-trotzkistischer Repressionen war. Stalin säuberte sehr gründlich. Einem konnte eine nicht-bolschewistische Vergangenheit schnell zum Verhängnis werden. (Ein Großteil der Armee baute ja auf der zaristischen Armee auf.) Durch Denunziationen wurden ganze lokale Parteigruppen eliminiert, denn im Unterschied zu früheren Zeiten kam es vermehrt zu Todesurteilen. Grundlage für diese Säuberungen war natürlich die Zentralisierung des Terrors, der mit dem Zusammenschluss von GPU (staatlicher Sicherheitsdienst) und NKWD (Innenministerium). Ironischerweise (oder gerechterweise) waren die ersten beiden Chefs des NKWD (Jagoda und Jeschow) selbst Opfer des von ihnen eingeführten Terrors.

Der Terror gegenüber der Bevölkerung war anders strukturiert. Hier war zwar ebenso deutlich, dass alle Schichten und Personengruppen betroffen waren bzw. potenziell betroffen sein konnten, aber es gab doch bestimmte Gruppen, die stärker betroffen waren. So gab es spezielle Operationen, wie die charbinsche (Harbin, ergo japanische Operation), die polnische und die deutsche. Es wurden beim Terror gegenüber der Bevölkerung perverserweise Quoten vorgegeben (in der Ukraine: 100 Deutsche/Tag), die von oben an die lokalen NKWD-Organisationen weitergegeben wurden. Diese lokalen Ausführer des Terrors übererfüllten diese Vorgaben sogar noch, aus Angst selbst in den Verdacht der Konterrevolution zu geraten. Diese perverse Eigendynamik führte zu dem Massenterror der Jahre 1937/38. Jeschow steigerte sich in so einen extremen Blutrausch, das Stalin ihn (der Druck aus der Bevölkerung war zu groß geworden) 1938 als Chef des NKWD entlassen musste. 2 Jahre später folgte dann seine Erschießung (komischerweise wegen Trotzkismus, dabei hätte es genug reale Gründe gegeben).

Auch wenn ich kein großer Fan von nationaler Identität bin, so möchte ich hier noch kurz die Besonderheiten des Terrors gegenüber den Deutschen darstellen. (Schließlich hat sich Stalin ja besonders für die Deutschen interessiert, da ist es ja unerheblich, was ich davon halte.) Die deutsche Operation des NKWD war schon ziemlich intensiv, gleichzeitig aber absolut unstruktiert und fast schon chaotisch. Mit Hitlers Machtergreifung 1933 wurde plötzlich jeder Deutscher (sogar die pazifistischen Mennoniten) zu einem faschistischen Spion oder Agitator. In der Zeit davor waren die Deutschen ja bereits Kulaken (Großbauern –> eher negativ besetzt im Kommunismus), was allerdings aufgrund ihres ziemlich großen Wohlstands und technischen know-hows weniger verwunderlich war. Stalin forderte in einer Notiz die Ausweisung aller Deutscher. Am XIII. Parteitag wurde über die Deportation der Deutschen diskutiert, letzten Endes kam es allerdings erst 1941 zu einer teilweisen Deportation der Deutschen, als die Wehrmacht schon kurz vor Kiew stand. Jedenfalls wurden in den Jahren 37/38 ca. 70 000 Deutsche verurteilt, zahlreiche davon zur Todesstrafe, von denen die ins Gulag geschickt wurden, starben 20 % schon bei der Deportation. Es gab 40 Freisprüche. Es wurde später allein die Nationalität als Verurteilungsgrund rechtskräftig. Das vereinfachte die Arbeit natürlich, weil man nicht mehr kompromittierendes Material sammeln musste. Die Verurteilungen erfolgten mit vorgedruckten Vernehmungsprotokollen, in die nur die Namen der Angeklagten geschrieben werden mussten. Um den hohen bürokratischen Aufwand zu mindern, wurde nach dem Album-Verfahren eine Vielzahl von Deutschen einer bestimmten (subversiven,trotzkistischen, faschistischen, kulakischen, konterrevolutionären) Gruppe hinzugefügt. Oftmals wurde den Angeklagten nur kurz der Name der Gruppe und des Gruppenführers (meistens waren dies die parasitären Priester) genannt, sodass sie wenigstens wussten, weswegen sie so ungefähr verurteilt wurden.

Es galt mitunter als faschistische Agitation Geld aus Deutschland zu erhalten. So wurde vielen Deutschen die „Hitler-Hilfe“ (wie die Sowjets das Geld nannten), die die Deutschen während der Großen Hungersnot 32/33 (auch holodomor genannt) erhielten, später in den Prozessen zum Verhängnis. Der NKWD schätzte 70 % der Deutschen als faschistisch motiviert ein. Spätestens nach der Enteignung, der Hungersnot und dem Terror ist es nicht verwunderlich, dass die Deutschen in der Ukraine 1941 die Deutschen als Befreier wahr nahmen. 1939 kam es zu einer Entspannung,  die Deutschen allerdings waren weiterhin massiven Repressalien ausgesetzt. Allerdings darf man das jetzt nicht so sehen, dass die Sowjets beispielslos böse waren und die Deutschen im 2. Weltkrieg deportierten und in Lager steckten. Nichts anderes haben die Amerikaner (God’s own country!) mit den Japanern in ihrem Land gemacht. Manchmal muss man auch differenzieren zwischen den Menschen und der politischen Führung. Wobei in der Sowjetunion während des stalinistischen Terrors weder die eine noch die andere Seite was zu lachen hatte.

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4 Antworten to “Der „Große Terror“ unter Stalin 1937/38”

  1. thielus Says:

    Sehr interessanter Beitrag, der zeigt, dass das 20. Jahrhundert im Wesentlichen von massenmordenden Hurensöhnen geprägt war.

    Wie kommt es eigentlich, dass Stalin so „hinter den Deutschen her war“? Es gab doch eigentlich eine ziemlich enge Bindung zwischen Deutschland (v.a. in der Weimarer Republik) und der UdSSR. Auch unter Hitler war bis 41 antirussische Propaganda eben jenes: Propaganda. Nationalsozialistische oder Nationalistische und kommunistische Propaganda unterscheiden sich bekanntlich nur in Nuancen bzw. in bestimmten Schlüsselbegriffen (sehr gut zu sehen anhand der NPD und der sogenannten Linkspartei, das hat aber zugegebenermaßen wenig mit dem Thema zu tun), daher würde ich eigentlich davon ausgehen, dass es in der Sowjetunion nicht anders war…aber da hast du mich eines Besseren belehrt – bisher dachte ich in meinem gesunden Halbwissen, dass die Russlanddeutschen erst 1941 während der Deportation „extrem zu leiden“ hatten.

    Interessant ist zudem, dass Stalin später einiges auf die Deutschen setzte: Sei es die Ausbildung von sozialistischen Kadern oder durch das Nationalkomitee freies Deutschland, das ja aus Wehrmachtssoldaten gebildet wurde. Hier kann man aber wohl ersteres unter Machtpolitik und letzteres und psychologische Kriegsführung abheften. Oder steckt mehr da hinter, Mr. Jambor?

  2. adulto Says:

    Man muss ja unterscheiden zwischen der deutschen Bevölkerung, die schon seit Generationen in Russland war und sozialistischen Kadern (wobei nach den Großen Säuberungen nahm man jeden gerne, der neue Kader ausbilden konnte, war ja nicht mehr viel an Leuten da). Man sah die religiös-agrarisch geprägten Deutschen als Gefahr für den Aufbau des Sozialismus, weil ihnen ja unter der Sowjetherrschaft alle Privilegien genommen wurden. Teilweise kann man also sagen, dass die Deutschen nicht wirklich den Kommunismus gut hießen, aber sie als Faschisten zu bezeichnen und ihnen enge Verbindung zum Heimatland vorzuwerfen, ist ebenso falsch. (Es wurde ja ernsthaft behauptet, dass manche von Hitler persönlich (!) den Auftrag erhalten haben zu sabotieren.) Man hat sie durch die Repressalien eher noch weiter von der Sowjetunion entfremdet. Stalin baute allerdings auf einer anti-deutschen Stimmung auf, die schon in der Zarenzeit herrschte, auf. (Neid auf deutsche Privilegien, deutschen Reichtum)

  3. Die totale Überwachung ist kein Totalitarismus | Politisches Feuilleton Says:

    […] Bewegungen sind auf eine Person zugeschnitten. Am deutlichsten wird dies am Beispiel des „Großen Terrors“ unter Stalin. Er allein hatte eine Garantie zu überleben und seine Meinung war das Maß der […]

  4. Die totale Überwachung ist kein Totalitarismus | Denktagebuch Says:

    […] Bewegungen sind auf eine Person zugeschnitten. Am deutlichsten wird dies am Beispiel des „Großen Terrors“ unter Stalin. Er allein hatte eine Garantie zu überleben und seine Meinung war das Maß der […]

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