Gariben no seikatsu – Das Leben eines Strebers

In letzter Zeit frage ich mich, welche Freude ich daraus ziehen kann, fast täglich in der Bibliothek zu sitzen und japanische Soziologie-Texte zu übersetzen, Powerpoint-Präsentationen zu Gender-Konflikten in der japanischen Popkultur zu erstellen und japanischsprachige Referate über meinen Geburtsort vorzubereiten. Wie der Japaner sagen würde führe ich ein „gariben no seikatsu“ (das Leben eines Strebers), wobei Streber vielleicht noch zu allgemein gefasst ist. Das Wort „gariben“ hat nämlich einen sehr lustigen Ursprung. „Gari“ kommt vom japanischen „garigari“, mit „garigari“ wird das Geräusch beschrieben, welches der Bleistift beim Schreiben macht. „Ben“ kommt von „Benkyou“ also Studium. „Gariben“ beschreibt also eine Person, die durch pures, endloses Schreiben und Notieren sich Wissen aneignet. Daher sprechen wir hier von einer eingeschränkten Unterart des Strebers. 

Jedenfalls gefällt mir das Leben zwischen Büchern, Kaffee und Freunden. Ich bin froh, dass ich wenigstens ein sozialer Streber bin, asoziale Streber (bzw. Streber, die nicht wissen wie man gesellschaftlichen Umgang zu pflegen hat) sind ja eher die Regel. Heute war zum Beispiel de facto von 9-13 Uhr Anwesenheitspflicht im Unterricht, allerdings bin ich letzen Endes erst um 21:30 nach Hause zurückgekehrt. Wieso? Naja, hab mir erstmal ein Mittag in der Uni gegönnt und mit meinen Freunden gelabert, bis ich mich dann zum Lernen in der Bibliothek durchringen konnte, was eigentlich viel länger gedauert hätte, aber Tzu-Yu hatte Kopfschmerzen. (Bei ihrem Hausarbeitsthema zum Europa-Japan (Ost-West)-Konflikt in Mori Ogais Roman „Das Balletmädchen“ kein Wunder) Also hab ich mich mal zusammengerissen und bin nach Hause gegangen, wo mir jetzt allerdings totlangweilig ist. Ein Gariben ohne Bücher ist wie eine Kuh ohne Euter.

Weiteres Kennzeichen meines Gariben-Daseins: seit einer Woche weigere ich mich kräftig krank zu werden. Obwohl die Nase läuft und die Bronchien net so auf 100 % laufen, weigere ich mich standhaft wieder krank zu werden. Ich möchte einfach nicht schon wieder fehlen. War ja schon ne Woche krank. (Dieses Semester scheine ich sowieso die Pest zu haben…) Ich schleppe mich also weiterhin zur Uni, egal was es mich kostet.

Zu meinen neuen Hobbys gehört es in letzter Zeit, Mails auf Japanisch zu schreiben. Und dabei handelt es sich nicht um so mickrige „Hallo, wie geht’s“-Mails, sondern viel mehr um teilweise tiefgründig-wissenschaftliche Fragen, wie zum Beispiel die Frage nach der Bipolarisierung der japanischen Gesellschaft durch eine Zunahme der Kluft zwischen Arm und Reich und dem neuen Aufkommen eines Unterschichtbewusstseins. Mit solchen japanischen Fachvokabeln konfrontiert, bleibt den meisten Japanern nur noch die Klappe unten. Und wieder ein Sieg des „Garibens“! Ja, es lebe das Streber-Dasein. Viel mehr Angst als die Frage nach Prüfungen bereitet mir die Frage nach den Semesterferien. Schließlich muss ich mir was suchen, was ich auch eventuell lernen kann…

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4 Antworten to “Gariben no seikatsu – Das Leben eines Strebers”

  1. Leander Says:

    Wie wärs mit Praktikum während der Semesterferien, sollte ich auch machen, allerdings müsste ich mich langsam mal darum kümmern…

  2. Patrick Says:

    Streberdasein rockt, es zahlt sich aus, bzw. erfordert Mehrarbeit es nicht gewesen zu sein 😉

  3. adulto Says:

    Praktikum? Unbezahlt bzw. Ausbeutung? Never. Ich wehre mich entschieden Teil der Generation Praktikum zu sein und den neoliberalen Wünschen nach jungen, unverbrauchten, zugleich sehr erfahrenen Arbeitskräften nachzugeben.
    @Pata: Ich dachte du hättest auf der Real alle Streber verkloppt? ^^

  4. Leander Says:

    Jo hat er 😉

    Problematisch ist, dass ich bis zur letzten Klausuranmeldung im 6. Semester 12 Wochen Praktikum gemacht haben muss, leider

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