Eine schicksalslose Begegnung

Wie von einer nicht vollzogenen Hinrichtung trete ich mit leichtem Herzen und einer eigenartigen Leere hinaus in den Flur. Ich habe irgendetwas zurückgelassen. Ein Ziel, einen Punkt, auf den ich mich konzentrieren kann. Man hat das alles kurzfristig ausgetauscht durch das Gefühl der Unsicherheit, der Schwebe…genau, als würde ich an einem Ast über einer endlos tiefen Schlucht schweben. Keine Ahnung, ob der Ast hält oder bricht. Wenn ich sage, dass mir der Ast egal ist, lüge ich nur schlecht. Ich hänge an ihm, ich hänge an meinen Träumen und meinem Leben. Ganz kopflos laufe ich dir über den Weg und du fragst mich, wie dieser Ort sein muss, für den ich mich freiwillig über eine Schlucht hänge. „Es muss wunderschön sein“, antworte ich. Plötzlich gestehst du, dass du auch dorthin willst. Es ist kein Ort, wo Milch und Honig oder Wodka und Alt fließen, aber scheinbar zieht er die Menschen an wie ein Kadaver die Würmer.

Mit einem Lächeln verabschieden wir uns wie Fremde. Wir sehen uns nie wieder, da bin ich mir irgendwie sicher. Ich gehe weiter, ohne Kopf, durch eine Welt, die auch nachts noch gleißend hell ist. Mein Leben ist so ziellos, eigentlich hat mein Wandeln im Augenblick kein Ziel. Der Supermarkt, die Bank, die Wohnung, alles ist so willkürlich logisch gewählt, als wenn mich ein Zwang dorthin treiben würde. Eine unsichtbare Hand namens Gesellschaft. Ich klappere alles ab. Ich funktioniere schon ganz wunderbar. Jetzt ist mir so langweilig, dass ich lerne, was „Mir ist langweilig“ auf Russisch heißt (Mnje skutschna!). Ich lehne mich zurück, starre Löcher in die Wand, bis ich in die Nachbarwohnung schauen kann. Doch da seit Jahren niemand mehr wohnt, fallen mir vor Tristess die Augen zu. Die Leere ist überall.

Doch genau jetzt, wo ich ein kleines Gefängnis für meine Augen errichte, mich zurückziehe, stehst du ganz deutlich vor mir mit deinen blonden Haaren, deiner angenehmen Stimme und deinem Lächeln. Ich verstehe nicht einmal, was du mit mir Kopflosen bereden wolltest. Nur dieser eine Satz ist in mir hängengeblieben wie Honig an einer Rauhfasertapete. Dann sehen wir uns ja dort! Wie kann ich eine so süße Lüge für die Wahrheit halten? Letzten Endes macht es keine Unterschied, denn die Lüge wird nie wahr werden.

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