Re-inventing of Tradition

Eigentlich will ich diesen in der Soziologie sehr gebräuchlichen Begriff der „Invention of Tradition“ nicht erläutern, viel mehr geht es mir darum, dass ich gestern Abend mal wieder bei Tzu-Yu zum Tee eingeladen war und ein wenig ihre Hausarbeit korrigieren sollte. Die größten Fehler hab ich nach einigen Minuten und ner Tasse Tee erledigt gehabt, danach aber bin ich mal wieder einfach geblieben und habe mit Tzu-Yu gequatscht. Neeltjes Wohnung scheint eine eigenartige laber-fördernde Atmosphäre zu besitzen, die mich natürlich wieder mal die Zeit vergessen ließ, sodass ich irgendwann um halb 3 Uhr nachts den Spaziergang nach Hause antrat. Komisch, ich habe immer wieder ein Déjà-vu, wenn Tzu-Yu mit sorgenvoller Miene sagt: „Pass auf dich auf und komm gut nach Hause.“ Plötzlich wird vor meinem geistigen Auge aus der kleinen schwarzhaarigen Taiwanesin eine blonde Schwäbin. Ich gehe mit einem Lächeln nach Hause, weil ich mich an die vielen durchgelaberten Abende in dieser ominös laberfreudigen Wohnung entsinne und denke mir dann auch immer wieder, dass es vielleicht nichts Schöneres auf der Welt gibt als Leute, mit denen man seine Gedanken teilen kann. Ganz egal wie holprig das Deutsch sein mag, man versteht, dass hinter diesen Personen, die aus einer ganz anderen Kultur kommen, eine fühlende und nachdenkliche Person steckt. Man braucht dafür nur ein wenig Geduld. Vielleicht finde ich in Japan auch jemanden, mit dem ich bis tief in die Nacht labere und der dann hinaus in die Nacht geht, nachdem ich noch einen guten Heimweg wünschen konnte. Vielleicht gibt es dort auch solche Personen, die die Geduld haben sich mit mir zu beschäftigen, auch wenn mein Japanisch alles andere als gut ist. Andererseits hat Neeltje auf Okinawa keine Wohnung. 😉 Von einem kleinen Gebiet auf der Welt abgesehen, ist man überall Ausländer, vielleicht kommt diese Erkenntnis erst zustande, wenn man nicht in touristenverseuchten spanischen Städte flaniert, in denen jeder Deutsch kann. Ich für meinen Teil bin froh, dass ich diese Tradition wiederentdecken konnte und weiterhin bei einem Tee lachen, Ratschläge erteilen und helfen kann. Wer mir diese Tradition und alles, was damit zu tun hat, zu nehmen versucht, hat keinen Platz in meinem Leben, in meiner neu-traditionellen Welt.

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Eine Antwort to “Re-inventing of Tradition”

  1. Peter Says:

    Es gibt solche Atmosphären, die zum labern verführen und andere, die einem die Kehle zuschnüren.

    Wäre dies ein fiktiver Text schriebe ich: „Ein echter Dave J.“

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