Taiwan, Tibet – wo ist da der Unterschied?

Meine Sympathien für die KP-Regierung in China sind zwar begrenzt, aber nun sind meine Sympathien für die Tibet-Lobby auch mehr als niedrig. Irgendwie hab ich den Eindruck, dass bezüglich Tibets ein leicht bizarres Bild gezeichnet wird von einem tausende Jahre alten Volk, das schon immer autonom war und dessen Eigenschaften ausschließlich positiv besetzt sind. Man zieht sich dann einen Film wie „7 Jahre in Tibet“ rein und schon ist einem alles klar. Tibet ist besetzt, das ist ebenso Fakt wie die Unmenschlichkeiten der chinesischen Armee bezüglich der Religion und der einheimischen Kultur. Allerdings stellt sich dann die Frage: Wieso Tibet? Wieso nicht die muslimischen Minderheiten im Westen? Wieso müssen wir alles für ein neues Tibet, befreit von der chinesischen Zentralgewalt, tun?

Tibetflaggen sind häufiger zu sehen, als chinesische Flaggen, das ist hier sicher jedem aufgefallen. Dass der Kommunismus und die damit verbundenen diktatorischen Strukturen lange schon im Westen und auch in den ehemaligen kommunistischen Ländern diskreditiert sind, ist jedem klar. Also ist die Frage nach den Sympathien der westlichen konsumgeilen Bürger klar zu beantworten. Dabei handelte es sich bei Tibet nie um einen demokratischen Staat nach westlichem Muster. Die Fortschritte, die durch die Kommunisten in Tibet erreicht werden konnten, werden meistens verschwiegen und es scheint als würde bezüglich Tibet wieder ein wenig Kolonialromantik zurückkehren. Da stehen die religiösen, naturverbundenen Tibeter (allesamt natürlich Pazifisten und/oder Mönche) gegen die imperialistischen Kommunisten, die natürlich nur Schlechtes bringen und die Tibeter kulturell entwurzeln wollen. Keinen Schimmer, wieso die Kommis dann den Tibetern überhaupt noch einen Autonomiestatus gewähren sollten und wieso die tibetische Sprache nicht gänzlich ausgelöscht statt gefördert werden sollte.

Natürlich sind die Kommunisten böse, aber wieso sollen sie gerade zu Tibet besonders böse sein? Dabei werden andere Minderheiten bzw. Taiwan ebenso von China unterdrückt. Taiwan ist natürlich nicht besetzt oder so. Genau das scheint aber Taiwans Problem bei der Findung öffentlicher Aufmerksamkeit zu sein. Aufgrund internationaler Nichtbeachtung unterscheidet man Taiwan nicht wesentlich von Tibet, dass es in Taiwan eine eigene Regierung und Demokratie gibt, darf nur geflüstert werden. Interessant ist, dass die taiwanesische Regierung die Tibeter als eigenen Staat anerkennen, aber interessiert das wen? Ich mein, das ist so als würd der eine Aussätzige dem andern helfen wollen. Der Dalai Lama hat natürlich eine wesentlich größere Ausstrahlung und Medienpräsenz als Oberhaupt eines pazifistischen Ur-Volkes, welches verzweifelt gegen die Besatzung (auch gegen die Modernisierung?) ankämpft. Dass Merkel lieber den Dalai Lama als einen taiwanesischen Präsidenten einlädt, ist klar. Dennoch wäre der diplomatische Eklat vergleichbar. Wieso Taiwan nichtsdestotrotz ignoriert wird, als wäre es tatsächlich Teil Chinas, ist eine andere Frage, die ich mir in letzter Zeit öfter mal stelle und nicht zu beantworten vermag.

Irgendwie sind meine Sympathien für ein demokratisches China auf einer kleinen Insel im Chinesischen Meer größer als für das besetzte Tibet. Vielleicht weil ich mich den Medien in dieser Frage ausgeliefert fühle. Nachrichten über Tibet werden hochgekocht und aufgebauscht als würde es um den wahrhaftigen Kampf Gut gegen Böse gehen. Ein friedliches Völkchen von Buddhisten gegen die alles zerstörende Militärmacht der gottlosen Imperialisten aus Peking. Genau dieser Eindruck wird erweckt, dabei wird gar nicht hinterfragt, was Tibet eigentlich ausmacht. Was Tibet ist. Die enorme Aufmerksamkeit könnte man sinnvoller auf andere innenpolitische und außenpolitische Probleme Chinas lenken und sich nicht nur auf Tibet festfahren. Die Uiguren, die Taiwanesen, obgleich man als Taiwanese nicht besetzt ist von China, steht man immer im Schatten der Volksrepublik und kann sich international auch keinerlei Gehör verschaffen, wie es den Tibetern beispielsweise gelingt.

Protestnoten zu Chinas Verhalten in Tibet gehören zum guten Ton, während mir welche zum agressiven Verhalten gegenüber Taiwan oder den endlosen innerchinesischen Minderheiten fehlen. Aber wie dumm anzunehmen, dass in den Nachrichten auch wirklich laufen würde, was wichtig sein könnte.

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2 Antworten to “Taiwan, Tibet – wo ist da der Unterschied?”

  1. Thielus Says:

    Also ob Taiwan von China unterdrückt wird, sei dahingestellt. Taipeh kennt die Volksrepublik genausowenig an. Die ist aber größer, also haben die auch mehr zu sagen. So einfach ist das. Peking pocht auf die Ein-China-Politik genauso wie die Bundesrepublik im Rahmen des Alleinvertretungsanspruches tat. Es ist auch völlig legitim, diese außenpolitische Linie zu fahren – jeder Staat bestimmt seine Doktrin selbst. Wenn so ziemlich alle anderen Staaten dieser Linie folgen und Taiwan kurzerhand die diplomatische Anerkennung offiziell aberkennen, ist das wohl kaum Pekings schuld. Denn Anfang der 70er, als dies geschah (und die VR nebenbei den Sitz im UNSC ergatterte) war Chinas Einfluss auf das Weltgeschehen bei weitem nicht so groß wie heute.

    Abgesehen von diesen völkerrechtlichen Dingen darf man nicht vergessen, dass beispielsweise die USA im „Taiwan Relations Act“ (glaub so heißt der^^) klargestellt haben, dass sie zwar an der Ein-China-Politik festhalten, jedoch jegliche gewaltsame Veränderung des Status Quo in der Straße von Taiwan militärisch unterbinden werden (die 7. Flotte, im Westpazifik stationiert, ist nicht umsonst eine der Größten der US-Navy) – du kannst, wenn du auf Okinawa bist, die dort stationierten US-Soldaten ja mal fragen, warum die da sind. Ich geb dir einen Tip: Es ist nicht wegen Nordkorea (in SK haben die genug Truppen um bis zur Mongolei zu marschieren^^) und auch nicht wegen Russland (deren Armee nimmt kein Land, das größer ist als Georgien, ernst). Die bis heute andauernden Waffenlieferungen der USA und Frankreichs nicht zu vergessen.

    P.S.: Soweit ich weiß, ist Taiwan, nach Japan, größter asiatischer Investor in der Volksrepublik. In die umgekehrte Richtung geht aber kaum was.

  2. Peter Says:

    Nun, du hast schon recht. Die friedfertigen Buddhisten passen eben besser in ein kitschiges Bild, als die Uiguren, die Muslime sind (derzeit ja Muslime = Islam = Islamisten = Terror = Staatsfeind Nr. 1), oder die Taiwanesen a.k.a die Chinesische Republik, die eine der High-Tech-Nationen schlechthin sind (weswegen es auch nicht weiter verwunderlich ist, dass Taiwan in diesem Sektor ein großer Investor in China ist… und: Taiwan mit all seinem Elektronikkram ist für jemanden wie mich ein ziemliches Paradies). Da kann man nicht die Stereotypen herausholen.

    Diplomatische Beziehungen angehend könnte man übrigens auch den altbekannten Spruch „Wes Brot ich es, des Lied ich sing“ anpassen.
    (Aber für eine Anpassung bin ich gerade einfach zu kaputt.)

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