Ehrenmord oder: Die harte Seite des Multikulturalismus

Kann man von Leuten etwas lernen, die jemandem Respekt zollen, der seine Schwester wegen ihres westlichen Lebenstils auf grausame Art tötete? Viele werden meinen, dass man von solchen Leuten nichts lernen kann und das man sich nicht mit ihnen auseinandersetzen soll. Tatsächlich sagt diese Fluchtbewegung aber mehr über uns aus als über die vermeintlich archaischen, barbarischen Andersdenkenden. Neulich haben ich und Evgeny uns mit zwei solchen türkischen Freunden auseinandergesetzt, wobei Evgeny den typisch-stereotypen Part des sozialdarwinistischen Multikulturalisten einnahm, der zwar genau merkt, dass man sich mit einer anderen Meinung und Kultur auseinandersetzt, die Diskussion daraufhin aber auf eine Lehrer-Schüler bzw. West-Ost bzw. Modern-Barbar-Beziehung reduziert. Wenn ich eines aus den ganzen theoretischen Brocken, die ich bezüglich Diskurstheorie und Multikulturalismus gelesen habe, lernen konnte, dann die Tatsache, dass man mit solch einer Schiene zu nichts kommt.

Schließlich kann man auch ganz einfach Kritik an der eigenen Kultur überhören und dafür die barbarischen Praktiken der Anderen als mittelalterlichen Scheiß kritisieren. Was hat man damit erreicht? Jedenfalls keinen offenen Dialog. Sowieso ist es ja nicht so, dass der europäische Mensch von Alters her das Leben als höchsten Wert einschätzte. Der Stellenwert von Ehre ist bei meinen türkischen Freunden eben noch ausgeprägter als der Wert des Lebens. Ich möchte diskutieren, ich möchte niemanden ankeifen, weil er seine Schwester umbringen würde. Ich benutze den Konjunktiv, denn wie im Westen gibt es nämlich auch im Orient eine Doppelmoral. Schließlich interessiert es keinen Mann, wessen Schwester er gerade durch die Laken jagt. Gleichzeitig ist er sich trotzdem bewusst, dass das Verhalten der Frau gesellschaftlich nicht gewollt ist. Also ist es quasi so, dass man so tut, als hätte weder der eine noch die andere jemals Sex vor der Ehe gehabt. Diese Ansicht ist naiv, aber sie ist gesellschaftlich notwendig. Was eine öffentlich ausgelebte Sexualität vor der Ehe bedeuten würde, ist nicht schwer zu erraten.

Gleichzeitig herrscht auch im Westen eine Doppelmoral. Da echauffiert man sich über Leute, die in Deutschland Kinder misshandeln, die ihre eigenen Kinder fest halten und jahrelang Inzest mit ihnen treiben. Gleichzeitig herrscht eine Art Schweigen, was die massenhaften Thailand-Reisen angeht. Deutsche Männer üben ihre Pädophilie im Ausland aus. In Deutschland wird immer von einer (sexuell) offenen Gesellschaft gesprochen. Das wird einerseits gefeiert, andererseits verliert man dabei aus dem Blickwinkel, dass diese Übersexualisierung auch in einem gewissen Maß zu moralischen Verfall führen kann. Die Ansicht, dass der Westen dem Orient noch beibringen muss wie Kultur funktioniert und was fortschrittlich ist, ist für mich zutiefst konservativ und doch so oft anzutreffen.

Es ist ja nicht so, dass wir unsere Kultur mit unseren Genen geliefert bekommen. Dass wir das Leben als höchstes Gut zu schätzen wissen, ist eine gute Sache. Trotzdem darf das nicht alle anderen Wertsysteme diskreditieren. Schließlich haben wir lediglich den Vorteil diese (unsere) Wertvorstellung anerzogen zu bekommen, andere Menschen bekommen andere Wertevorstellungen anerzogen. Ebenso wenig wie man von uns erwarten kann, dass wir unsere Werte innerhalb einer Diskussion aufgeben, kann man auch nicht verlangen, dass andere Menschen ihre Werte sofort aus rein logischer Läuterung aufgeben.

Multikulturalismus ist keine Einbahnstraße, meine Freunde. Wir können nicht einfach sagen, dass alle Muslime so werden sollen wie wir. Was würde das denn für ein Multikulturalismus sein? Es wäre ein Monokulturalismus mit westlicher Überlegenheitsrhetorik. Ich bin fest überzeugt, dass man den Dialog braucht, erst dann kann man wenigstens den Stellenwert des persönlichen Lebens in der anderen Kultur erhöhen. Man wird das nicht schaffen, indem man einfach sagt, dass diese Leute aus dem Mittelalter kommen. Jedenfalls habe ich noch keinen Mittelalter-Typen kennengelernt, der Informatik studiert. Noch ein kleiner Satz, der mich ein wenig getroffen hat: Ich toleriere und akzeptiere eure Werte und Gedanken, wieso könnt ihr meine nicht akzeptieren?

Multikulturalismus hört für uns dort auf, wo jemand uns sagt, dass wir unrecht haben könnten. Das passt nicht in unser Selbstbild. Der westliche Mensch ist der moderne Mensch. Vergewaltigt hier jemand ein Kind, so ist er sozial geächtet und eine Ausnahme aus der großen modernen Masse. Schlägt hier jemand seine Frau (und häusliche Gewalt ist im Westen verflucht stark verbreitet, meine Freunde), ist es das gleiche. Dialog erfordert auch eine Korrektur des westlichen Selbstbildes, denn so wie wir den Islam als fortschrittfeindliche Religion sehen, so sehen sich die meisten Muslime als modern und fortschrittlich. Wenn wir mal aufhören könnten uns selbst als Speerspitze der menschlichen Entwicklung zu sehen oder uns als kulturell überlegen zu fühlen, könnten wir auch einen wirklichen Multikulturalismus schaffen, der in einer pluralistischen Gesellschaft friedlich stattfindet. Alles andere ist kultureller Monolog, bei dem man andere lediglich zum Zuhören zwingt.

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3 Antworten to “Ehrenmord oder: Die harte Seite des Multikulturalismus”

  1. David Says:

    Der Eintrag gefällt mir. Auf der Arbeit konnte ich nicht wirklich Gedanken dazu entwickeln. Da mich nun um 2Uhr morgens aber keiner mehr stört, kann ich meinen geistigen Erguss nun getrost niederschreiben =)

    Also es ist schon richtig, wenn du schreibst, ein offener Dialog sei notwendig. Offener Dialog und vor allem Selbstreflexion können schon zu mehr Toleranz und Akzeptanz führen. Allerdings würde ich bei dem Begriff Multikulturalismus ein wenig vorsichtig sein. „Multi-“ schlägt zwar viele Parteien vor. Allerdings beharren diese Gruppen immer zu stark auf ihrem eigenen Standpunkt. Die Grenzen sind bei „Multi-“ immer noch zu festgefahren und die Betonung auf das eigene Sein erlaubt leider nicht allzu oft einen offenen Dialog.

    Schau dir die USA an. Es heißt die USA seien ein melting pot mit vielen (multi) Nationen. Richtig, es sind viele Nationen in einem Land vereint. Das muss aber nicht heißen, dass sie alle miteinander klar kommen. Stichwort Apartheid, oder Arbeiterdiskriminierung mexikanischer Immigranten.

    Das selbe Konzept trifft auf die Multikultur zu. Ich denke der Begriff wurde in den letzten Jahren einfach zu häufig benutzt, so dass den meisten die Bedeutung zu nebulös wurde und es einfach ein Schlagwort für den Trend der Kulturenvermischung wurde.

    Die Grenzen sollten aufgehoben werden, so dass wir nicht multi werden, sondern trans 😉

  2. adulto Says:

    Transkulturalität ist ein Ideal, aber andererseits auch Realität. Ich meine, keine Kultur ist undurchlässig und unveränderlich, also findet in den jetzigen Kulturen schon dauernd Austausch und Veränderung statt.

    Trotzdem darf man nicht verkennen, dass nur weil Transkulturalität das logischste und friedlichste Miteinander ermöglichen könnte, die Leute auf eine eigene Kultur, die national geprägt ist, verzichten. Wenn jemand seine (nationale) Kultur behalten will, kann man ihn leider nicht davon abbringen, daher spreche ich lieber von Multikulturalität.

    Aber stimme dir sonst eigentlich absolut zu, dass Transkulturalität der erstrebenswertere Zustand ist. Wenn aber nicht mal Multikulturalität erreicht werden kann, ist Transkulturalität leider noch viel weiter entfernt.

  3. Die Welt und ich (19): Notizenberge - txtblog archives Says:

    […] nicht allzu viel mit.Von daher will ich auf das Verweisen, was hängen geblieben ist. Da war Adams großartiger Artikel zum Thema "Multi-Kulti". Dann war da ein Artikel von einem Menschen, der wohl nicht ohne Grund aus seiner Position […]

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