Huozhe (活着 dt.“Leben!“) von Zhang Yimou

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Der Film „Leben!“ des chinesischen Regisseurs Zhang Yimou zählt zu seinen gesellschaftskritischen Werken und war in China von der Zensurbehörde verboten, gehört gleichzeitig allerdings als Vorzeigebeispiel zum neuen chinesischen Kino, das sich wesentlich offener äußert, als dass noch zu früherer Zeit der Fall war.

Der Film zeigt das Leben von Fu Gui, der im Bürgerkrieg sein Haus verspielt, weil er spielsüchtig ist. Über diesen Schock stirbt sein alter Vater bei der Übergabe des Hauses. Fu Gui wird von seiner Frau (gespielt von der wundervollen Gong Li) verlassen und verdient sich Geld, indem er mit klassischen chinesischen Schattenschauspielen Geschichten vorsingt. Dabei gerät er allerdings zwischen die Fronten und wird für die Kuomintang zum Aushilfssoldaten. Als er eines Morgens erwacht, überrennen die Kommunisten das komplett verlassene Lager der Truppe und finden nur Fu Gui und einen Freund vor. Fu Gui führt die Schattenspiele für die Truppen Maos vor und wird mit einer Urkunde nach Hause geschickt. Dort ist seine kleine Tochter wegen eines starken Fiebers stumm geworden. Der Mann, der Fu Guis Domizil beim Spielen gewonnen hat, wird ob des großen Hauses als Kapitalist gebrandmarkt und erschossen.

Die nächste Epoche ist die Zeit des „Großen Sprung nach vorn“. Alle schmeißen ihr Eisen zusammen und schmelzen es für die Industrie in eigenen Hochofen. Fu Guis Sohn wird nach wenig Schlaf gegen den Willen der Mutter von Fu Gui zur Schule gebracht, um dort Eisen einzuschmelzen. An diesem Tag rammt der LKW des KP-Parteifunktionärs des Bezirks die Schulwand und begräbt den Sohn unter den Trümmern. Das Kind ist tot. Fu Gui hat unendliche Schuldgefühle, weil er das Kind zur Schule schickte, damit sie weiter als sozialistische Vorzeigefamilie gelten konnten.

Die nächste Epoche zeigt die „Kulturrevolution“. Fu Guis stumme Tochter findet einen Mann, der strammer Kommunist ist, wird schwanger und kommt ins Krankenhaus. Im Krankenhaus finden sich keine Ärzte mehr, da diese alle als Kapitalisten oder Konterrevolutionäre von den Jugendlichen gebrandmarkt wurden. Es sind also nur junge Medizin-Studenten vor Ort. Fu Gui besorgt aus Sorge des baldigen Vaters einen Arzt aus dem Gefängnis. Dieser Professor allerdings ist hungrig und Fu Gui besorgt ihm Teigtaschen. Da der Arzt allerdings zu viel isst, erstickt er fast und kann nicht mithelfen das Kind auf die Welt zu bringen. Soweit geht die Geburt auch reibungslos vor sich. Dann aber verblutet die stumme Tochter Fu Guis auf dem OP-Tisch und die jungen Kulturrevolutionäre sind nicht in der Lage zu helfen. Fu Gui gibt sich auch hier die Schuld, weil er dem Arzt die Teigtaschen gekauft hat.

So verliert die Familie ihre einzigen beiden Kinder. Offensichtlich wegen Fu Guis Versagen, aber das ist gar nicht die Kritik des Films. Er gibt den Opfern des „Sprung nach vorn“ und der „Kulturrevolution“ ein Gesicht. Er zeigt das Versagen und die Unvollkommenheit des kommunistischen Weges Chinas und übt versteckt Kritik am oberflächlich glorifizierten Führer Mao. Der Film ist gespickt mit sehr vielen sarkastischen und ironischen Dialogen, die vor Einfallsreichtum nur so sprühen. Gleichzeitig geht er unglaublich an die Nieren, auch weil Gong Li eine Mutter spielt, die nichts auf der Welt sehnlicher wünscht als ein ruhiges Leben und die es trotz der großen Tragödien des Lebens immer weiter lebt. Außerdem zeigt es die Menschen in der Volksrepublik wirklich auch als Menschen und nicht als Maschinen oder fanatische Kommunisten. Man arrangiert sich mit dem System und übernimmt die Rhetorik, selbst wenn man wirklich überzeugt vom Kommunismus ist. Die Menschen sind nicht anders als auf einem anderen Flecken der Welt, sie sind ebenso gezeichnet durch persönliche Tragödien wie Menschen in der westlichen Welt.

Zhang Yimou ist mit diesem Film wirklich eines seiner besten und kritischsten Werke gelungen, besonders wenn man bedenkt wie er sich mittlerweile an das chinesische System anbiedert. Zuletzt fiel der Regisseur beispielsweise als Koordinator der Eröffnungsfeier der Olympiade in Peking auf. „Leben!“ gewann u.a. die Goldene Palme von Cannes 1994 und war als bester fremdsprachiger Film für den Oscar nominiert.

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2 Antworten to “Huozhe (活着 dt.“Leben!“) von Zhang Yimou”

  1. Patrick Says:

    Interessante Sache, erst war er systemkritisch, dann machte er Martial Arts-Filme und nun arbeitet er parteikonform, wäre mal interessant herauszufinden, was Zhang Yimous Sinneswandel verursacht hat.

  2. adulto Says:

    Wenn du bedenkst, dass er für den aktuellen Film 45 Millionen Dollar an Budget zur Verfügung bekommen hat, ist der Grund für den Sinneswandel ziemlich einfach zu erraten. „Hero“ und „House of Flying Daggers“ waren ja auch unkritische Filme, die eher zur Verherrlichung der chinesischen Geschichte dienten. Im Endeffekt dreht sich also alles um das Geld.

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