Kopftuch für Kinder: Eine multikulturelle Frage?

Beim Kopftuch scheiden sich die Gemüter. Es gibt in der wissenschaftlichen Fachwelt oftmals die Meinung, dass Multikulturalismus und Feminismus miteinander unvereinbar sind. Der Grund dafür sei, dass je mehr kulturelle Selbstständigkeit man zulässt, umso mehr feministische Werte unvermittelbar werden. Das Gefährliche an dieser Ansicht ist, dass man damit indirekt die Ansicht abnickt, dass andere nicht-westliche Kulturen grundsätzlich patriarchal geprägt sind. Dennoch gibt es unter Feministinnen viele Feinde des Multikulturalismus, das Kopftuch gilt hier als Symbol für die Unterdrückung der Frau. Doch meiner Ansicht nach ist diese Bezeichnung sehr gefährlich. Ich denke, dass das Kopftuch genommen werden sollte als das, was es ist. Symbol für kulturell-religiöse Identität. Da wir in einer pluralistischen Gesellschaft leben, sollte es Frauen selbstverständlich frei stehen, ob sie ein Kopftuch tragen wollen oder nicht. Ich betone hierbei das Wort „Frauen“, bei Kindern sieht die Sache da ein wenig anders aus.

Zwar muss man auch hier differenzieren, wieso das Kopftuch getragen wird, aber in den Fällen, in denen es nicht aus einer Art Traditionsbewusstsein und zwecks kultureller Identitätsstiftung getragen wird, sondern als islamische (also aus religiösen Motiven) Bekleidung getragen wird, muss man auch als Muslim gegen das Kopftuch für junge Mädchen sein. Die Frage, ob Kinder selbst entscheiden sollen, ob sie das Kopftuch tragen soll, ist schwierig zu entscheiden. Ist im Rahmen einer Erziehung die freie Meinungsauslebung der Kinder doch sowieso eingeschränkt. Die Frage dreht sich also gar nicht um das Kopftuch als Symbol der Unterdrückung. Ich sehe es viel mehr unter einem anderen Aspekt. Für mich ist es nämlich ein Mittel der Sexualisierung der Kindheit. Sagen doch selbst Muslime:

„Das Buch Gottes bezweckt mit dieser Vorschrift nicht die Abgeschlossenheit der Frauen wie in einem Gefängnis. Dies kann nur die Meinung der Unwissenden sein, die die islamische Lebensweise nicht kennen. Der Zweck dieser Vorschrift ist, Männer und Frauen davon abzuhalten, ihre Blicke auf fremde Personen frei herumschweifen zu lassen und ihre Reize zur Schau zu stellen. Diese Regel trägt zum Guten für beide Geschlechter bei (…) (Philosophie der Lehre des Islam, Verlag des Islam, Ausgabe 1997)

Wie kann man dann Mädchen verhüllen? Das würde heißen, dass man sie als sexuelle Objekte betrachtet und würde einem Eingeständnis der Pädophilie in der islamischen Welt gleichkommen. Ein Kopftuch für Kinder ist nicht im Koran vorgesehen und entspricht auch nicht dem ursprünglichen Zweck der Regelung im Koran. Desweiteren würde ein späteres Tragen des Kopftuchs quasi bereits in der Kindheit manifestiert. Die westlichen Gebote der Entscheidungs- und Meinungsfreiheit bzw. der Persönlichkeitsrechte, auf die sich auch Muslime gerne berufen, wenn es um das Kopftuch geht, würden durch diese Manifestation in der Kindheit unterlaufen. Es ist geboten, dass sich das Kind erst mit dem Prozess der Reife eine eigene Weltsicht und Meinung bildet. Wenn die junge Frau sich dann für das Kopftuch entscheidet, dann sage ich dazu „Ja“ und „Amen“, damit wäre ich meiner Ansicht nach weit entfernt von einer „bedingungslosen Feier der Andersartigkeit“ wie sie vielen Multikulturalisten unterstellt wird. Aber wo wir gerade bei „Amen“ waren…

In unserer christlichen Welt gibt es ebenso durchaus Fälle von Sexualisierung der Kindheit. Die Ansicht, dass man Jungen und Mädchen trennen muss, um ihre Sittlichkeit erhalten zu können, war vor einiger Zeit in unserer so aufgeklärten Welt durchaus weit verbreitet, eine Verdammung des Islams ist also nicht gerechtfertigt und auch eine Belehrung der Muslime kann nicht die Art des Dialogs darstellen, der Lernprozess muss weiterhin im gegenseitigen Dialog und Austausch stattfinden. Ein christlicher Fall von kindlicher Sexualisierung ist beispielsweise, wenn es getrennten Sportunterricht gibt. Und den gibt es durchaus nicht nur, weil ein islamisches Mädchen Beschwerde beim Verfassungsgericht einlegt, sondern auch als normalen Unterricht an öffentlichen Schulen. Ich möchte also diese Frage weniger als multikulturelle Frage sehen, sondern vielmehr als Frage der Projektion von Sexualität auf Kinder. Eine Sache, die meiner Ansicht nach absolut nicht notwendig oder konstruktiv sein kann.

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3 Antworten to “Kopftuch für Kinder: Eine multikulturelle Frage?”

  1. Leander Says:

    Aber ich meine gehört zu haben (schon lange her), dass das Gebot ein Kopftuch zu tragen erst ab der Pubertät gilt, und somit erst dann wenn sich weibliche Geschlechtsmerkmale ausbilden. Verglichen mit dem übermäßigen Zurschaustellen dieser – wie es in der westlichen Kultur, bzw in Deutschland (von anderen Ländern weiß ich nichts genaueres) grade in dem Alter anscheinend zur Regel geworden ist – halte ich das Kopftuchtragen doch eher für das kleinere Übel.

  2. adulto Says:

    Steht im Koran, wird aber in einigen Fällen anders praktiziert.

  3. Anti Says:

    Im Koran steht auch dass Männer ihre Frauen misshandeln dürfen, so lange es ihre Arbeitsfähigkeit nicht einschränkt…
    Kopftücher…ich sag mal so, ich finds unhöflich sie in geschlossenen Räumen auf zu behalten, genauso als wenn jemand seinen Hut nicht absetzt. Ja, da ist sicher ein Unterschied. Aber ich finde man sollte sich zumindest einigermaßen anpassen wenn man in ein Land einwandert – man darf natürlich seine eigene Kultur ausleben. Aber wenn ich ein Kreuz trage und in ein islamisches Land auswandere, und sich die Leute daran stören, dann nehme ich es doch ab und trage es nur zu Hause.
    Alles eine Frage der Höfflichkeit und Anpassungsbereitschaft in meinen Augen. Aber mehr eine Lapalie als ein ernstes Problem 😉

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