Blessing Bell (幸福の鐘) von sabu

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Bei „Blessing Bell“ handelt es sich um einen Film von sabu, einem von mir hoch geschätzten Regisseurs, der ebenfalls die Filme „Monday“, „Unlucky Monkey“ und „Postman Blues“ abgedreht hat und den man in das Genre „Yakuza-Film“ stecken kann. Allerdings sind seine Filme mehr. Seine Filme behandeln auf eine gewisse Weise alltägliche menschliche Probleme. Er kritisiert die Parodoxa der menschlichen Gesellschaft und Moral. Insbesondere der Wert des Lebens wird immer wieder thematisiert, denn in sabus Filmen spielen dem Tod geweihte Personen immer eine besonders starke Rolle.

„Blessing Bell“ ist ein geniales Experiment. Der Hauptcharakter, der einen Tag durch die Stadt läuft und dabei so viele abstruse Sachen erlebt, dass es für ein ganzes Leben reichen würde, sagt bis zum Ende des Films kein einziges Wort. Man sieht ihn losgehen und man versteht nicht mal seine Motivation. Diese dauernde Spannung bezüglich der Frage nach der Motivation seines Protagonisten nutzt der Regisseur geschickt aus. Lässt er seinen stummen Hauptdarsteller (verkörpert von Susumu Terajima) doch immer mehr erleben. Der Hauptdarsteller besticht durch eine sehr rohe, wortlose Darstellung, die an Stummfilme erinnern mag. Die Mimik und Körpersprache spielen eine sehr große Rolle in diesem Film. Zugleich wird der Hauptdarsteller zum Zuschauer. Genau wie der Zuschauer erlebt er diese Dinge und lässt sie in gewisser Weise passiv über sich ergehen.

Sabus Gesellschaftskritik ist nicht aggressiv, sie ist in diesem Film zutiefst tragikomisch. Zwei Szenen, die allerdings sehr traurigen Charakter haben, sind mir im Gedächtnis geblieben. In der ersten Szene kommt der Darsteller zu einer Brücke und trifft auf einen Ex-Angestellten, der gerade seinen Arbeitsplatz verloren hat. Er schaut zur gegenüberliegenden Brücke, schaut auf die Uhr und sagt: „Das ist der Zug, in dem ich jahrelang von der Arbeit gefahren bin, genau in diesem Wagen zur gleichen Uhrzeit. Jetzt sehe ich den Zug das erste Mal von außen, weil ich heute meine Arbeit verloren habe.“ Daraufhin begeht der Mann Selbstmord und ist zugleich froh, dass wenigstens eine einzige Person ihm nochmal zuhört, da er in seinem Leben eigentlich nie etwas anderes außer seiner Arbeit hatte.

Die zweite Szene ist abermals schockierend. Ein Trinker, der in einer Kneipe immer anschreiben lässt, wird von der Chefin zurechtgewiesen, dass er seine Rechnung endlich bezahlen solle. Ein Mann, der daneben sitzt, schlichtet den Streit. Er will die komplette Rechnung und die Schulden übernehmen. Mit den Worten „Wenn man die Diagnose bekommt, dass man Krebs im Endstadium hat, verliert Geld plötzlich jeglichen Wert. Nehmen Sie es, ich brauche es nicht mehr.“ zückt er sein Portemonnaie. In diesen ganzen Szenen zeigt der Regisseur eigentlich, was wesentlich im Leben ist. Einerseits bringt sich jemand wegen seines Jobs um, auf der anderen Seite ist jemand so gut wie tot und hat Geld im Überfluss. Krasser könnte der Gegensatz nicht sein. Dabei zeigen sowohl der Krebskranke und der Selbstmörder eigentlich, was wirklich wesentlich im Leben ist. Ein Leben für die Arbeit oder für Geld ist wertlos. Den Wert des Lebens machen ganz andere Dinge aus. In dem Moment, in dem der Mensch Sklave seiner Gesundheit oder Arbeit ist, wird ihm deutlich, dass er sein Leben viel mehr genießen hätte müssen. Die Leere des Lebens wird erst deutlich, als die Personen dem Tod ins Auge sehen. Insofern ist auch „Blessing Bell“ ein Film, der den Grundsatz des Carpe Diem indirekt vermittelt. Als der Hauptdarsteller betrunken und ganz überwältigt von seinem Tagesverlauf in eine Grube stürzt und dann hoch sieht und wohl das erste Mal wirklich einen klaren Sternenhimmel in aller Pracht sieht, fängt er an zu weinen. Überwältigt von der Schönheit der Sterne und traurig darüber, dass er genauso wie der Selbstmörder und Krebskranke sein Leben nicht zu nutzen wusste. Dass er nie Zeit gehabt  hat, sich wirklich mal die Sterne anzusehen.

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Eine Antwort to “Blessing Bell (幸福の鐘) von sabu”

  1. NEGATIV Says:

    tolle Rezension! Wir haben auch einen Beitrag zum Film geschrieben.

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