Kafka am Strand – Murakami Haruki

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Dieses Werk hat mir mein guter alter Freund Rojo empfohlen und ausgeliehen, sodass ich „Umibe no Kafuka“ (Originaltitel) während meines Urlaubs genießen konnte. Die über 600 Seiten wirken dabei wie Alice im Wunderland auf Speed. Murakami erschafft Traumwelten, in denen Realität und Traum wie im Mixer einer kochbesessenen Hausfrau vermengt werden. „Kafka am Strand“ ist allerdings kein einfacher Fantasy-Roman, es ist zwar ein zutiefst surreales Buch mit vielen Chiffren, zugleich aber auch voller intellektuellem Geist. Da wird hier mal Goethe zitiert, über Beethoven philosophiert, griechische Philosophen und Hegel durchgenommen. Das aber immer im alltäglichen Kontext. Die Szene, die sich in meinem Kopf eingebrannt hat, ist die, in der eine Prostituierte ihrem Freier beim Oralsex das Selbstbild bei Hegel erklärt. (Bei der Frau handelt es sich um eine Philsophiestudentin. Seit diesem Buch sehe ich Philosophinnen mit ganz anderen Augen 😉 ) 

Was für mich den Reiz dieses Buches also ausmacht, ist die erstaunlich vertraut wirkende Wirklichkeitsfremde. Da sprechen Leute mit Katzen, weisen Hermaphroditen Feministinnen zurecht und schläft ein Junge mit Ödipus-Komplex mit seiner vermeintlichen Mutter. Murakami erschafft ein Puzzle von wirrsten Dingen, das in sich allerdings dadurch so schön wirkt wie ein Mosaik. Die Geschichte auf einen kurzen Nenner zu bringen ist fast unmöglich, da es sich zu allererst auch um zwei Handlungsstränge handelt, die miteinander erst am Ende verschmelzen.

Murakami macht soziale Außenseiter bzw. Aussteiger zu seinen Helden. Da ist der scheinbar geistesgestörte Nakata, der die Welt retten soll. Der LKW-Fahrer Hoshino, der den alten Mann, den er einfach für einen senilen Opa hält auf seiner Reise begleitet und so eigentlich extrem viel über sein eigenes Leben lernt. Da ist andererseits der 15-jährige Kafka Temura, der von zu Hause ausbüchst, um seine Mutter zu finden und dann in einer Privatbibliothek, die seiner vermeintlichen Mutter gehört, zu arbeiten. Es wirkt alles wie eine Verkettung des Schicksals. Zugleich ist die Rolle, die Murakami dem Individuum und der eigenen Entscheidung zuschreibt, nicht hoch genug einzuschätzen. Man hat den Eindruck, dass man nur etwas im Leben lernen kann, wenn man sich wirklich auf das Leben als ein Abenteuer einlässt.

So ist Kafka am Strand mehr als nur ein Roman, der diffus wirkt. Das Buch wirkt kritisch und setzt sich mit grundlegenden Fragen des Lebens auseinander. Das Hauptmotiv ist wahrscheinlich die Flucht vor Verantwortung. Sowohl Hoshino als auch Kafka fliehen vor ihrem Leben und werden zugleich durch ihre Erlebnisse auf der Flucht reifer und geläutert. Ein Leben auf der Flucht vor der Grundessenz des Lebens ist leer. Die Schönheit von vermeintlicher Hochkultur wie Haydn, japanischer Dichter und den griechischen Philosophen vermittelt Murakami unmittelbar dem Leser, weil er diese Kultur in den alltäglichen Kontext packt und damit zugänglich macht. So lässt sich das Buch meiner Ansicht nach mit seinen vielen Chiffren und surrealen Bildern auch mit einem von Murakami genannten Zitat Goethes zusammenfassen: „Das Leben besteht nur aus Metaphern.“ Wenn man das Buch mit diesem Gedanken im Hinterkopf liest, ist es mehr als diffuser Surrealismus. Es ist ein Buch über das Leben.

Eine weitere kurze und schöne Rezension hier.

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