Ein Leben ohne zu vermissen

Sprache ist vom Menschen gemacht und stellt daher auch ein Zeugnis über die Mentalität einer bestimmten Kultur dar. Der Missbrauch einer Sprache zu nationalistischer Mythenbildung, indem man behauptet, dass die Eigenart der Sprache die Besonderheit der eigenen Kultur und des eigenen Volkes reflektiert, muss intellektuell sanktioniert werden. So kann es auch nicht nachvollziehbar sein, dass das Ministerium für Erziehung und Bildung in Japan behauptet, dass die japanische Sprache sich grundsätzlich von der englischen Sprache unterscheidet, da es in der englischen Sprache angeblich keine förmliche Sprache gibt. Der englischen Sprache fehlen sicherlich die unterschiedlichen Höflichkeitsstufen des Japanischen, das Englische als direkte und rücksichtslose Sprache darzustellen, die dem Naturell der Japaner entgegen steht, ist nichts als Selbstessenzialisierung. Dass es dennoch einige interessante Besonderheiten der japanischen Sprache gibt, darf man auf der anderen Seite allerdings ebenso wenig leugnen. Wenn allerdings Besonderheiten jemanden besonders machen würden, müsste man doch den Schluss ziehen, dass alle Sprachen besonders und einzigartig sind. Worauf ich an dieser Stelle hinweisen möchte, ist lediglich, dass der japanischen Sprache ein Ausdruck für das Vermissen fehlt.

Ich habe schon viele Japaner bezüglich dieser Besonderheit ausfragen müssen. Es gibt viele indirekte Ausdrücken, mit denen man ausdrücken kann, dass man jemanden vermisst. So wird beispielsweise kimi ni aitai (wörtl. „Ich will dich treffen“) meistens mit „Ich vermisse dich“ übersetzt. Alternativ ist ebenfalls sabishii gebräuchlich (wörtl. „Ich bin einsam“), allerdings sind diese Begriffe doch nur sehr indirekte Ausdrücke, über die man auf die wahren Gefühle des Sprechers schließen kann. Eine Koreanerin, mit der ich regelmäßig Sprachaustausch auf Japanisch pflege, hat zu dieser Thematik nur gemeint: „Die Japaner sind schüchtern, es ist ihnen peinlich“. Ist es zulässig die Japaner so zu charakterisieren? Eine konstruierte Gemeinschaft einfach mal so in einen Topf zu schmeißen und alle, die von der Essenz dieser Gemeinschaft abweichen, als Ausnahme von der Regel zu behandeln? Das entspricht nicht meiner Absicht, es ist dennoch eindeutig erklärbar, dass die japanische Sprache sich in dieser Gefühlssache sehr indirekt ausdrückt. Daraus allerdings zu schließen, dass das Gefühl des Vermissens den (kulturell besonderen…) Japanern unergründlich ist, wäre ebenso essenzialisierend und würde gegen Kant und Herder sprechen, die in Zeiten der Aufklärung zu dem Schluss kamen, dass alle Menschen in ihren Unterschiedlichkeit gleich sind. Und wer möchte schon, dass die Japaner das Vermissen vermissen?

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4 Antworten to “Ein Leben ohne zu vermissen”

  1. Leander Says:

    Tja, so ist das mit den Sprachen, fällt öfters auf das manche ausdrücke einfach nicht gescheit zu übersetzen (zum beispiel „to mess with s.o.“ – man könnte es mit „sich mit jemandem anlegen“ übersetzen, aber so gut passt das nicht). Auch ein grund bücher und filme in der originalsprache zu hören/lesen – sofern man die sprache hinreichend versteht, natürlich.

  2. morbiderengel Says:

    Vielleicht vermisst man ja auch nicht, wenn man kein Wort dafür hat. Ich bin neidisch, vermissen ist etwas trauriges…

  3. adulto Says:

    Da der Mensch ein soziales Tier ist, glaube ich nicht, dass es kulturell bedingt wäre, wenn man nicht vermissen würde. Ich denke eher, dass es sozial bedingt ist. Wenn ich keine sozialen Kontakte oder Freuden im Leben habe, habe ich auch nichts zu vermissen. Insofern ist vermissen auch positiv umdeutbar, weil man wenigstens etwas zum vermissen hat.

  4. morbiderengel Says:

    Hast auch wieder Recht.

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