Der Aufzug

Es war ein wenig komisch. Ich hatte noch nie in meinem Leben einen Aufzug gesehen, in dem jemand die Knöpfe für mich drückt. Wahrscheinlich weil ich noch nie in meinem Leben in einem Nobelhotel abgestiegen war. Seit sie dieses neue Einkaufszentrum gebaut hatten, gehörte die Aufzugsdame zum Inventar. Eine junge, attraktive Frau mit wunderschönen Beinen. Die Beine müssen doch bei dem ganzen Rumgestehe fürchterlich weh tun, dachte ich. Immer wenn sie fragte, ich welchen Stock ich denn wolle, sagte ich, dass ich in den obersten müsste. Im obersten Stock hatte ich einen Job angenommen, um mir das Leben mit ein wenig Taschengeld zu versüßen. Wie ein Roboter drückte sie den Knopf, wie ein Roboter stand sie regungslos da. Wie ein wunderschöner Roboter.

Auch wenn ich schon zu Hause war, dachte ich noch lange an die schmalen Finger, die immer gleichen Bewegungen und das regungslose Stehen. Das oberflächliche Lächeln, wenn man den Aufzug betrat und die leeren Augen, die sich nicht die Mühe machten jemanden zu erkennen. Sie muss unglaublich einsam sein, dachte ich manchmal. Das Einzige, was sie berührte, waren die Knöpfe. Ein Mal hatte ich erlebt, wie ein Mann ihr an den Hintern gefasst hatte. In diesem Moment dachte ich, dass sie wirklich ein Roboter war. Ich hätte Angst gehabt ihr an den Hinter zu fassen, weil ich befürchtete, dass ich nur kalten und glatten Stahl berühren würde.

Als ich längst gekündigt worden war, war sie immer noch da. Die menschliche Maschine. Ein Leben im Aufzug. Immer geht es hoch und runter, aber nie bleibt es wirklich stehen. Ein eigenartiges Leben. Meistens umhüllt von einem kalten Stahlpanzer begab sie sich in die höchsten Höhen und die tiefsten Tiefen. Eigentlich war sie damit nicht anders als ich auch. Ich habe mich bis zur Besinnungslosigkeit mit Alkohol volllaufen lassen und war am nächsten Tag wieder am Boden. So viele Menschen mich auch berührten, sie durchbrachen mit ihren Berührungen nie meinen Stahlpanzer. Ich fühlte mich eigenartig verbunden mit der Frau im Aufzug.

An einem Wochenende war ich wieder in diesem Einkaufszentrum. Ich stieg in den Aufzug und fuhr hoch. Oben wartete ich ein wenig und stieg dann wieder ein, um nach unten zu fahren. Immer wieder fragte sie mich, wohin ich wollte. Immer wieder. Als hätte jemand in ihr ein Tonband versteckt, auf welchem nur die Frage nach dem wohin abgespielt wurde. Dabei gab es so viele wichtigere Fragen im Leben. Vor Ladenschluß war fast niemand mehr im Einkaufszentrum, als hätte die Welt mich mit der Roboterfrau alleine gelassen. Die Roboterfrau, der absolute Prototyp des modernen Menschen, der einfach nur funktionieren musste. Als sie mit mir noch ein Mal hochfuhr, stieg ich nicht mehr aus. Das erste Mal blieb ich einfach im Aufzug und setzte mich auf den Fahrstuhlboden. Ihr Rücken war steif wie ein Stein, keine Bewegung, kein sichtbarer Schmerz. Dann rief eine Stimme aus, dass das Kaufhaus bald schließen würde. Wir fuhren runter und ich wollte aufstehen, um aus dem Fahrstuhl und damit aus dem Kaufhaus hinauszugehen. Dann sagte sie im letzten Moment noch etwas: „Wollen wir noch etwas fahren?“

Ich blieb bei ihr.

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3 Antworten to “Der Aufzug”

  1. Peter Says:

    Bravorissimo! Ich sollte auch mal wieder einen derart gescheiten, schönen Text schreiben…

  2. morbiderengel Says:

    Schöner Text.

  3. Patrick Says:

    Großstadtphantasie mit SciFi-Poesie angereichert , gelungen.

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