Der Mensch ist ein soziales Tier

„Der Mensch ist ein soziales Tier“ ist ein Satz, den Rojo einem Kind als einen seiner ersten Sätze beigebracht hat. Seit er mir von diesem Satz erzählte, habe ich mich gefragt, was die Bedeutung dahinter sein könnte. Ich bin bis jetzt noch am Rätseln über eine klare Bedeutung und Interpretation, dennoch ist die Aussage dieses Satzes sicherlich, dass der Mensch sich von Tieren durch sein Sozialverhalten unterscheidet. Als ich auf Patas Blog folgendes Zitat von Einstein las, musste ich wieder an Rojos Satz denken:

Der Mensch erfand die Atombombe, doch keine Maus der Welt würde eine Mausefalle konstruieren.

Zu allererst hoffe ich doch, dass Herr Einstein sich selbst nicht als Alien sieht, wenn er von der Menschheit in der 3. Person spricht. Ein „Wir“ wäre meiner Ansicht nach wünschenswerter, aber genau in Einsteins Satz liegt die Essenz des menschlichen Sozialverhaltens. Die Menschheit begreift sich nicht als Menschheit. Anders als Tiere hat der Mensch einen künstlichen Begriff von Gemeinschaft geschaffen, der die Menschheit teilt und differenziert. Einstein reproduziert das mit seiner (vielleicht unreflektierten) Art von dem Menschen zu sprechen. Das impliziert einerseits eine gemeinsame Schuld der Menschheit, zugleich aber steht Einstein wie ein Außenstehender daneben und sieht sich das Ganze von außen an.

Die künstliche Erschaffung neuer Sozialsystem, die unterhalb der Ebene der Menschheit liegen, führte zu Nationalismus, Faschismus, industriellem Völkermord, ethnischen Säuberungen und aller denkbarer Arten von Grausamkeiten. Bewusstsein ist veränderbar, aber da der Mensch ein Kind seiner Umgebung ist, kann er die Grundüberzeugungen, die ihm mitgegeben wurden nicht hinterfragen. Wenn er überall als „Deutscher“ gesehen wird, hat das Auswirkungen auf seine Selbstwahrnehmung. Er sieht sich als „Deutscher“, weil ihn andere so sehen. Diese Mikroebene lässt sich in gewisser Form auf größere Sozialsystem wie Nationen übertragen. Redet man Nordkorea als Schurkenstaat, ist also Nordkorea sozusagen das Mobbingopfer in der großen Schulklasse der Nationen, so wird es sein Heil in der Flucht nach vorne suchen. Mit kamikaze-artiger Aggression und vermeintlicher Selbstverteidigung und Überreaktion. Nordkorea erscheint nicht mehr beim Unterricht oder stört nur noch. Soziale Beziehungen beeinflussen also auch Beziehungen von Sozialsystem untereinander.

Dass diese Sozialsysteme entstehen konnten, verdanken wir dem sozialen Tier Mensch. Kategorisierung ist ein Grundbedürfnis des Menschen: Mann-Frau, Inländer-Ausländer. Der Mensch grenzt sich ab. Verkennt dabei, dass er sich von sich selbst entfernt. Dass Menschen, die man aufgrund sprachlicher und kultureller Differenzen nicht versteht, gleichzeitig auch anders fühlen, liegt nahe. In Wirklichkeit merkt man allerdings sehr schnell, dass Menschen in ihren Gefühlen und Wünschen doch eine Menschheit bilden können.

Der Mensch baut die Atombombe, weil er in der Kategorie Demokrat-Kommunist denkt, statt in keiner Kategorie. Eine Atombombe auf ein kommunistisches Land ist wohl keine Atombombe auf Menschen. Dass der Mensch dennoch einen Funken von Menschlichkeit und Menschheitsbewusstsein besitzt, ist unverkennbar. Würde es uns denn sonst noch geben?

Advertisements

2 Antworten to “Der Mensch ist ein soziales Tier”

  1. nihonnelly Says:

    Danke für diesen wundervollen Eintrag, den ich gerne ins Japanische übersetzen würde und als Pamphlet in den Straßen verteilen würde. Wir sind Menschen in erster Linie, das ist, was ich jeden Tag auf’s Neue denke, seit ich hier in Japan bin. Und bloß, weil ich keine schmalen Augen und blonde anstatt schwarzer Haare habe, denke oder fühle ich nicht anders als ein Japaner. Vielleicht fühle ich anders, weil ich ICH bin, aber nicht unbedingt Deutsche (wenn ich auch sicherlich davon beeinflusst werde, das mag ich nicht bestreiten).
    Und warum können so viele Menschen nicht das Spannende in anderen Kulturen erkennen? Warum muss sich der Mensch vor dem Unbekannten fürchten? Ist das nicht auch ein Grund für die Atombombe….? Würde eine Maus nicht einfach weglaufen und sich in einem anderen Bereich einnisten…?

  2. Peter Says:

    (Text bereits vor Tagen gelesen, aber nicht in der Lage gewesen, mich dazu zu äußern. Also versuche ich es jetzt.)

    Menschen sehen sich nicht gern als Menschen. Sie wären gern allmächtig (weil sie aus irgendeinem Grund so hochmütig denken können), könnten gerne alles verändern, deswegen schaffen sie sich auch Götter, die das können, was sie gern könnten. Der Mensch abstrahiert von sich weg, von anderen Menschen weg. Der Feind im Krieg ist kein Mensch, er ist primär Feind.

    Ich sehe mich da nicht als Alien, aber ein wir kann ich nicht schreiben. Ich könnte schreiben: Wir, Bewohner der Erde (mit allem was hier noch kreucht und fleucht dazu und auch das will ich nur solang sagen, bis anderes Leben erreichbar ist). Aber „Wir Menschen“, nein. Ein wir führt all zu oft zu einem „ihr“, zu einem „wir sind anders als die Anderen.“ Ein anderes, das man zwar sicher lieben kann, aber eben auch fürchten oder verachten. Und dann hast du plötzlich die Atombombe.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: