Essay: Die Konstruktion von Herrschaftstradition in der mittelalterlichen Geschichte der Südslawen

Wenn man bei Wikipedia das Stichwort „Drittes Rom“ eintippt, so bekommt man als Information lediglich, dass es sich hierbei um eine Staatsphilosophie handelt, die Moskau in eine Traditionskette mit Rom und Konstantinopel (das zweite Rom) setzen sollte. Laut Wikipedia ist also Moskau gleichbedeutend mit dem dritten Rom.

Dass das Prinzip des dritten Roms bereits vorher existierte, wird von Wikipedia dagegen verschwiegen. Die Hauptstadt des Zweiten Bulgarischen Reiches Tărnovo ist das eigentliche Vorbild für den russischen Geistlichen Filofej, der den Begriff des dritten Roms für Moskau prägte. Ob wissentlich oder unwissentlich, Filofej benutzt ein Legitimationsmuster, das seit dem Verlust Konstantinopels an die Lateiner 1204, Tărnovo als neues religiöses Zentrum der orthodoxen Welt etablieren sollte.

Dass dieses Selbstbild, das das Zweite Bulgarische Reich zu konstruieren versuchte, auch außerhalb Bulgariens anerkannt und wahrgenommen wurde, zeigt die Erwähnung der wichtigsten Städte der Welt in einem Dokument russischer Literatur 1380. Dort wird neben Rom und Konstantinopel auch Tărnovo erwähnt. Die Frage, wieso das Moskauer Reich sich also nicht als Viertes Rom bezeichnete oder die Urheberschaft der Bulgaren anerkannte, ist einfach zu beantworten. Im russischen Selbstverständnis dieser Zeit war es unmöglich, dass man Bulgarien als Vorbild nehmen konnte. Der russische Anspruch war es schließlich auch slawische Großmacht zu sein und das Vorbild für die kleinen slawischen Bruderstaaten.

Bei der Idee des dritten Roms handelt es sich um den Versuch, eine Legitimation aufzubauen. Man lockt als letzte freie, orthodoxe Metropole natürlich Flüchtlinge aus anderen orthodoxen Gebieten an. So wurde Bulgarien auch bei der Eroberung Konstantinopels durch die Kreuzritter Anlaufpunkt für den byzantinischen Adel.

Zugleich steht der Begriff „Rom“ für Imperium. Also für ein Reich, in dem mehrere Völker zusammen unter einer Herrschaft leben. Noch bevor Tărnovo zum dritten Rom wurde (also zur Zeit des Zweiten Bulgarischen Reiches), gab es vorher schon Versuche in Bulgarien, Macht über eine Traditionskonstruktion zu legitimieren.

Hier komme ich dann auch zum Begriff „Zar“. Auch dieser Begriff wird gemeinhin mit dem Moskauer Reich in Verbindung gebracht. Obwohl Simeon I. vorher schon diesen Titel in Anerkennung seiner Verdienste um das Erste Bulgarische Reich erhalten hat.

Sind die Bulgaren also auch hier wieder ein historischer Vorgänger des Moskauer Reiches? Im Zusammenhang mit der Idee des dritten Roms ist auch der Zarentitel ein Symbol für die Nachfolger Roms und für die imperialen Ansprüche eines Monarchen. Die Parallelen zwischen dem Moskauer Reich und der Legitimation im Bulgarischen Reich sind auf jedenfall verblüffend. So heiratete beispielsweise Simeons Sohn Peter I. eine byzantinische Prinzessin. Ein Zeichen dafür, dass man auf der gleichen Ebene mit Konstantinopel, dem Zweiten Rom, stand.

Auch Iwan III., Großfürst von Moskau, heiratet die Nichte des letzten byzantinischen Kaisers um seine Legitimation und Stellung als letzter Zufluchtsort der orthodoxen („wahren“) Christenheit zu festigen. Es ist daher interessant, dass sowohl die Herrscher Bulgariens als auch die Herrscher Moskaus die Nähe zu den historischen Imperien Rom und Byzanz suchten. Dies als neue „slawische“ Idee zu bezeichnen ist dennoch sachlich falsch. So ist die Selbstbezeichnung der Griechisch sprechenden Byzantiner als „Römer“ als auch der Begriff des „Kaisers“ (ebenso wie Zar von Cäsar abgeleitet) der Versuch die alte Größe des römischen Imperiums heraufzubeschwören und sich von anderen Herrschern abzugrenzen.

Für die Legitimation der Herrscher spielte neben der antiken Traditionskonstruktion bis zurück nach Rom aber auch die Kirche eine Rolle. Neben der historischen Legitimation brauchte es also auch eine göttliche Legitimation. Die „Herrschaft von Gottes Gnaden“ war im Mittelalter für die Legitimierung der eigenen Herrschaft quasi unerlässlich. So sahen sich die Bulgaren unter Simeon I. oder im Zweiten Bulgarischen Reich (hier besonders wegen des Einfalls der Kreuzritter 1204) als letzte Bewahrer der einen Kirche. Diese Idee korrespondierte mit der Staatsphilosophie des Dritten Roms, indem man das eigene Reich zur letzten Bastion der Christenheit hochstilisierte.

Simeon I. schaffte bereits das Kunststück durch seine erfolgreichen Feldzüge gegen Byzanz den Zarentitel zu legitimieren und die Anerkennung als gleichwertiger „Cäsar“ neben dem Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation und des byzantinischen Kaisers zu erhalten. Simeon I. schaffte allerdings noch viel mehr. Da er um die Bedeutung der Kirche für seine Legitimation wusste, schaffte er eine autokephale Kirche, die dem Patriarch von Konstantinopel Konkurrenz machen sollte. 927 wurde Preslav Sitz des bulgarisch-orthodoxen Patriarchats. Dieser Abfall der Kirche von ihrem Patriarchat und die Schaffung einer autonomen Kirchenstruktur festigten die Legitimationsbasis für den bulgarischen Zaren und sind vielleicht das beste Zeichen, dass sich Simeon von Byzanz emanzipieren konnte. Dieser Ausnahmezustand einer autokephalen bulgarischen Kirche wurde nach dem Einfall der Lateiner nur noch ein Mal im Zweiten Bulgarischen Reich erreicht, allerdings währte auch diese Kirchenautonomie nur bis zum Einfall der Osmanen und der Eroberung Tărnovos 1393.

Mit der folgenden Unterstellung der bulgarischen Kirche unter das Primat des Patriarchats in Konstantinopel endete auch das Zweite Bulgarische Reich. Der Einfluss, den die Schüler Eftimijs, des letzten Patriarchen von Tărnovo, auf die russisch-orthodoxe Kirche hatten, zeigt aber wieder, dass sich das Moskauer Reich vieler Ideen, die ursprünglich in Bulgarien entwickelt wurden, bedienten. Die Metropoliten von Kiev und Moskau waren Schüler Eftimijs, des letzten Patriarchen der bulgarisch-orthodoxen, autokephalen Kirche, und transportierten neben rein theologischem Wissen sicherlich auch viele andere Ideen nach Russland. Schließlich galt das Zweite Bulgarische Reich als zweiter Höhepunkt südslawischer Kultur nach dem Ersten Bulgarischen Reich unter Zar Simeon.

Die Idee des „Dritten Roms“, die Herrscherbezeichnung „Zar“ und die legitime Nachfolge des Moskauer Patriarchen als letztem geistigen Oberhaupt der orthodoxen Kirche; dies alles sind Ideen, die bereits in den beiden bulgarischen Reichen Verwendung fanden. Ich denke, dass man ob dieses Wissenstransfers das bulgarische Zarenreich unbedingt als Zwischenstation zwischen Byzanz und Moskau nennen muss. Schließlich ist der Verdienst der Bulgaren für die schriftliche und geistige Kultur der slawisch-orthodoxen Kirche enorm. Obgleich sich die Herrscher Bulgariens (und später Russlands) immer über ihr antikes Vorbild Rom legitimieren wollten, entstand gleichzeitig ein eigenes slawisches Kulturleben mit einer eigenen slawischen Schriftlichkeit.

Diese slawische Kultur darf man nicht lediglich als Zeichen politischer Macht verstehen. Betrachtet man Mitteleuropa, so konnte der deutsche Kaiser nicht durchsetzen, dass in einer deutschen Kirche eine andere Sprache als Latein gesprochen wurde. Durch die Etablierung des Altslawischen (entwickelt in Bulgarien) als dritter heiliger Sprache neben Latein und Griechisch war die Etablierung eines dritten Kulturkreises zwischen Rom und Byzanz gelungen.

Dieser dritte Kulturkreis ist auch Sinnbild für die Legitimation der Herrscher auf dem Balkan. Jeder Herrscher suchte aus dem Konflikt zwischen Byzanz und Rom mehr Autonomie und Macht herauszuschlagen. So war es schon bei Boris I., aber auch bei serbischen und kroatischen Fürsten. Die Herrschaftslegitimation bei den Südslawen suchte meistens die Nähe zu Byzanz und benutzte Rom oftmals als Druckmittel gegen den Patriarchen in Konstantinopel. (Ausnahme ist natürlich Kroatien) Dass oftmals sehr viel Pragmatismus im Spiel war, zeigen verschiedene Beispiele. Letzten Endes gewährte eben die orthodoxe Kirche mehr Autonomie, wenn auch nur selten Autokephalie. Die bulgarischen Zaren suchten immer die Legitimation über Byzanz und die Anerkennung der eigenen Macht. Schließlich galt Konstantinopel bis zum Untergang noch immer als das geistige Zentrum der orthodoxen Christenheit. Das kirchliche Vakuum füllte erst das aufstrebende Moskauer Reich wieder und bediente sich dabei alter Legitimationsmechanismen, die bereits die Bulgaren vorher entwickelt haben und die die Schüler Eftimijs nach Russland transferierten.

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