Nähe und Distanz

Mr. Michel hat in einer seiner ersten Religionsstunden bei mir einen großen Eindruck gemacht, als er von Nähe und Distanz in der Liebe sprach. Dass man beides bräuchte, um eine dauerhaft stabile Beziehung führen zu können. Damals hielt ich das für sehr einleuchtend und teilweise sind die Ansätze doch auch ganz verständlich, doch der erste Knackpunkt ist, dass zu dieser Nähe-Distanz-Sache zwei Personen gehören und dass man sich dann auch noch verständigen muss, wie weit Distanz reicht. So kann aus der Sicht des einen in einer offenen Beziehung eine gesunde Distanz herrschen, während es die andere Person innerlich zerfrisst und krank macht. Was Mr. Michel eigentlich suggerierte, war dass jemand, der sich nach immerwährender, dauerhafter Nähe sehnt, nicht mehr ganz richtig sein kann. Und klar führt es zu Streit, wenn man dauernd aufeinander hockt, aber führt es nicht noch viel mehr zu Streit, wenn man sich nicht mehr sieht? Wenn man streiten will, kann man es einfach auf zu viel Nähe oder zu viel Distanz schieben, weil beides subjektiv wahrgenommen wird und daher eine objektive, ja fast wissenschaftliche, Austarierung des richtigen Distanz-Nähe-Verhältnisses unmöglich ist.

Wenn Hideaki Tokunaga singt, dass „die wichtigste Sache, am weitesten fortgeht“ dann entspricht das auch einer subjektiven Wahrnehmung. Der wichtigste Mensch geht schließlich nicht wirklich an den geographisch am weitesten entfernten Punkt der Erde. Die Entfernung zwischen zwei Menschen misst man nicht in Kilometern oder Metern, diese Distanz kann es durchaus geben, wenn zwischen zwei Menschen rein physisch kein Blatt mehr passt. Wenn man zum Beispiel während man mit dem geliebten Menschen zusammen ist, an jemanden anderen denkt oder in Gedanken schon fort ist, dann steckt hierin viel mehr Distanz als es der liebe Herr Michel haben wollte. Zugleich kann man natürlich Distanz erzwingen als Vorbeugemaßnahme, damit man nicht allzu plötzlich alle Nähe verliert. Im Endeffekt ändert das aber nichts, das Endergebnis ist gleich. Ist man weniger traurig einen Menschen zu verlieren, weil man diesen Verlust selber forciert hat? Jeder Verlust von Nähe bedeutet Schmerz. Der Mensch als soziales Tier lebt von Nähe, er lebt von Körperkontakt, von netten Worten und freundlichen Gesten. Der Mensch, der sich selbst der „Droge“ Nähe entzieht, hat dadurch nichts gewonnen. Distanz kommt in irgendeiner Form sowieso auf jede zwischenmenschliche Beziehung zu, wieso sollte man dann die Zeit der Nähe nicht noch intensiver nutzen? Wieso soll man auf Distanz und Nähe überhaupt achten? Wie kann man dieses subjektive Gebilde selbstständig mit so etwas überbewertetem wie der eigenen Logik zu steuern versuchen?  Distanz entsteht nicht dadurch, dass man das Zimmer verlässt und joggen geht. Distanz entsteht im Kopf, aber das heißt nicht, dass sie etwas Logisches ist.

Insofern muss Mr. Michels Versuch den Menschen zu einer teilweisen Asozialisierung aufzufordern wirklichkeitsfern bleiben. Nähe als beziehungsgefährdend? Natürlich ist jede Überdosis gefährlich, allerdings eine Beziehung mathematisch-logisch zu vermessen und zu entindividualisieren ist doch hochgradig gefährlich. Damit begibt man sich auf ein Ratgeber-Niveau der niedrigsten Stufe. Letzten Endes müssen die Partner selbst wissen wieviel Distanz gut ist und wieviel nicht. Dieser Prozess ist alternativlos, eine Formel für ein dauerhaftes Miteinanderauskommen wurde noch nie gefunden. Letzten Endes kann Nähe allerdings nie schaden. Ist es nicht sogar der Grundbaustoff jeder Liebe?

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7 Antworten to “Nähe und Distanz”

  1. nihonnelly Says:

    Ja, ich kann das ziemlich gut verstehen. Ich habe nun acht Monate mit einem Menschen auf 6 qm (!!) gewohnt. Wir haben die gleiche Uni besucht und teilweise die gleichen Kurse. Sprich, wir haben seltenst Zeit getrennt voneinander gebracht. Ich habe immer gedacht, ich könne sowas nicht, würde dabei durchdrehen. Und was ist? Sicher, zwischendurch wäre etwas mehr physischer Platz wünschenswert gewesen, aber nun, da er weg ist, am anderen Ende der Welt (physisch) vermisse ich ihn als ob ich eine Hälfte von mir in das Flugzeug gesetzt hätte. Und gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass er trotz allem noch direkt neben mir steht. Psychisch gesehen.

  2. eskapismus Says:

    die nähe oder distanz muss, theoretisch überlegt, kompromisshaft definiert werden. de facto geschieht das aber wohl (hoffentlich!?) eher selten – man pendelt sich ein, im bereich psychischer und physischer nähe – die beide rückwirkungen auf die jeweils andere haben.

    an sich scheint es kein argument gegen nähe zu geben. die partielle kunstfigur frank aber, deren leben ich versuche, skizzenhaft darzulegen, etwa, hat große probleme damit, nähe zuzulassen. denn frank glaubt, sich an nähe verbrannt zu haben, er wähnt sich wie ikarus zu nahe an die sonne geflogen – weil er so dumme bilder mag und zudem von seinen wunden her rekonstruiert, tief gefallen zu sein und zwar voll auf die schnauze.
    nähe kann, klarer gesprochen, zu einem problem werden, wenn eine person zu sehr dominiert – es ist, gewissermaßen wie bei himmelskörpern: wenn ein mond seine umlaufbahn verlassen würde, zu seinem planeten hin (oder ein planet zur sonne hin, das ist ganz gleich), kann die anziehungskraft zu groß sein – ein crash ist unvermeidbar. man mag jetzt jene substanzielle vermischung als wunderbar ansehen, aber wenn dabei das größenverhältnis nicht stimmt (ein psychisches, wenn man es auf menschen bezieht), dann bleibt von der einen person nicht viel über – es hätte mehr distanz gebraucht.

    was aber bleibt ist, dass hier ein ex ante-ratschlag absurder blödsinn ist, denn analysieren kann man wohl am besten und es kann alles nichts werden mit der liebe, wenn man denn keine nähe wagt.

    die eventuellen trümmer kann man so oder so erst dann zusammenfegen, wenn das glas der beziehung zerschellt (was für ein beschissenes bild…) ist.

  3. eskapismus Says:

    da fehlt was:
    analysieren kann man wohl am besten ex post

  4. adulto Says:

    ex post zu analysieren ist am besten, weil man selbst die deutungshoheit hat. das heißt mitunter dann das man sagt: „da war zu wenig distanz.“ obwohl der grund für das ende woanders liegt. ist aber wahrscheinlich realitätsnäher als der michelsche ansatz der vorherigen analyse.

  5. Patrick Says:

    Mhm die Frage ob Nähe und Distanz und in welcher Weise obliegt wahrscheinlich Michels persönlicher Gedankenwelt, aber denke auch, es gibt keinen festen Grundsatz den man mathematisch befolgen kann und es klappt, selbst dieser wäre noch flexibel. Alles in allem höchst suspekt, oder anders ausgedrückt: In der Liebe und im Krieg ist alles erlaubt.

  6. Patrick Says:

    Apropos Nähe & Distanz Adult du Stück: Bevor du dich verdünnisierst, heißt es aber nochmal gepflegt rituelle Männerorgie bei Leos abhalten.^^

  7. adulto Says:

    Mach keinen Stress. Wegen dir werde ich jetzt daran erinnert, dass ich bald nach Japan gehe. ^^

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