Himmel und Hölle

Die Spanne zwischen meinen Händen beschreibt die Spanne zwischen Himmel und Hölle. Links das erfrischend kühle Bier, rechts die heiße Glut der Zigarette. Ob der Himmel wirklich ein so kühler Ort ist? Muss ja, denke ich, schließlich sinkt mit jedem Höhenmeter die Temperatur. Wenn man allerdings in Richtung Erdkern vordringt, wird es immer heißer. So simpel gestrickt diese dualistische Weltsicht ist, so wahr scheint sie mir. Zwischen Hölle und Himmel liegt mein promilleschwerer Kopf auf dem Bartresen. Gebettet auf in Alkohol schwimmenden Erdnüssen schaue ich mir das frisch gefüllte Bierglas an. Der sich leise zersetzende Bierschaum strahlt weiß wie die Schönwetterwolken des letzten Sommertages. Ich nehme einen letzten Zug von der Zigarette, als die Glut mir die Finger zu verbrennen droht. Grauer Rauch.

Ein trauriger Gefangener des Diesseits bin ich. Gefangen zwischen Bier und Glimmstengel. Der Mensch ist ein grandioser Lügner. Er kann sein Leben lang daran glauben, dass er nach seinem Tod in einem eisigen Bier schwimmen wird. Im Moment des Todes, in dem Moment, in dem er Angst hat, in dem er leben will, in diesem Moment enttarnt er seine eigenen Zweifel. Seine Angst zeigt, dass es keinen Himmel gibt. Vielleicht zeigt seine Angst nur, dass es eine Hölle gibt. Der Mystiker Eckhart hat behauptet, dass in der Hölle nur der Teil des Menschen brennt, der sich nicht vom Leben trennen kann. Das Nichts wird dann zur Hölle, wenn man an etwas hängt. Hängt man dagegen an nichts, akzeptiert man,  dass nach dem Tod wirklich Nichts ist. Post mortem-Nihilismus.

Das Einzige, was bei mir noch brennt, ist die Zigarette. Die Zigarette wär wohl auch die einzige Sache, die in meiner individuellen Hölle brennen würde. Jetzt nehme ich erst einmal einen Schluck Himmel. Ich schüttel die Erdnüsse von meiner Wange, schaue mich um. Menschliche Dämonen ohne Gesicht sitzen schweigend in einer grauen Welt zwischen weißem Bierschaum und roter Tabakglut. Mir ist nach Weinen zumute, aber ich kann nicht, weil ich innerlich ausgetrocknet bin. Ich weine nur noch, wenn ich eine Chili-Schote esse. Die innere Dürre fülle ich notdürftig mit dem letzten Schluck kühlen Himmels. Ich drücke den Glimmstengel aus. Mit dem Beweis, dass es keinen Himmel und keine Hölle gibt, trete ich in die Nacht hinaus. In ein dunkles Nichts, in dem keine Lampe mehr brennt. In ein dunkles Nichts, in dem nichts mehr brennt.

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Eine Antwort to “Himmel und Hölle”

  1. leander Says:

    Eigenartig, dass sowohl mit Himmel alsauch mit Hölle zwei völlig lebensfeindliche Regionen gleichgesetzt werden… vielleicht auch Absicht.

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