Leere Worte

Immer sind Wörter Konstrukte, die etwas Anderes suggerieren als die Realität beinhaltet. Da spricht man von „Terroristen“ und „Steinzeitislam“, von „militärisch abgesicherter Entwicklungshilfe“, vom „Kampf gegen den Terror“ und nicht von „Krieg“. „Krieg kann nur zwischen Nationen geführt werden“, sagte Mr. Schäuble unlängst. Wörter sind immer Worthülsen. Inhaltsleere Verpackung. Geschenkpapier, das man variabel über ein Geschenk kleben kann, was aber nicht heißt, dass man den Inhalt ändern würde. Geschenkpapier sagt nichts über den Inhalt aus.

Im Alltag gibt es diese Worthülsen in Hülle und Fülle. Menschen sind notorische Lügner und die Sprache erlaubt ihnen Dinge so auszudrücken, das eine Lüge wie die Wahrheit wirkt. Wie eine geschönte Wahrheit zwar, aber Wahrheit ist auch wieder ein sehr dehnbares Ding. Letzten Endes belügen sich Menschen auch oft genug selbst. Sie ändern die Wahrnehmung ein und derselben Sache fast minütlich. Sprache radikalisiert die Wahrnehmung und die abgebildete Realität wird mehr konstruiert denn abgebildet. Wieso braucht der Mensch denn dann die Sprache? Weil er sich gern selbst belügt und gerne belogen wird. Erwidert ein Mensch das eigene „Ich liebe dich“, auch wenn es eine Lüge sein mag, ist diese Alternative uns doch lieber als Schweigen zu ernten. Selbst das allgemeine Statement, dass „Ehrlichkeit“ grundlegend für jede Liebesbeziehung ist, will ich umkehren und behaupten, dass Liebe auf Lügen baut. Für Frauen sind Lügen ja auch die Dinge, die nicht gesagt werden. (Wie ich an meiner eigenen Haut spüren und in „King of Queens“ sehen konnte…)

Der Mensch braucht die Sprache also um das zu sagen, was er eigentlich nicht denkt. Das ist nicht mal negativ gemeint, eigentlich dient das sogar der Beruhigung der sozialen Gruppe. Lobende Worte unterstützen die Entwicklung eines jeden Kindes. Schon Kinder wollen belogen werden. Die Sprache hat also nicht trotz sondern gerade wegen ihrer Inhaltsleere eine unbedingte Existenzberechtigung. Die schlimmste Situation, die sich nur ergeben kann, ist für mich wahrscheinlich, dass ich keine Worte mehr finde. Es gibt so viele Wörter und so viele, die nicht beschreiben können in welcher Beziehung man zu einer anderen Person steht. So kann die aufgedeckte „Sexfreundschaft“ im sozialen Rahmen zur „Beziehung“ werden, ohne dass sich ihr Inhalt ändert oder aber umgekehrt. Das Geschenkpapier ist eben für die Augen aller bestimmt, auch wenn nur dem Beschenkten der wahre Inhalt offenbar wird.

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4 Antworten to “Leere Worte”

  1. Peter Says:

    Die schlimmste Situation, die sich nur ergeben kann, ist für mich wahrscheinlich, dass ich keine Worte mehr finde.

    Grossartig. Der ganze Text.

    (Und ich bekomme meine Offenbarungsgeschichte (schon wieder ein Konstrukt, eine partielle Lüge) „Die Wahrheit“ nicht fertig, weil ich ständig lüge.)

  2. Anti Says:

    Schöner Text, auch wenns es um eine unschöne Sache geht in diesem Fall.

  3. Patrick Says:

    Mhm Liebe ist auch immer ein Stück Idealisierung einer Eigenschaft am Zielobjekt, aber du hast Recht: Worthülsen sind Geschenkpapier, die uns Inhalte schmackhaft machen, auf dem Prinzip baut ja auch die Werbung auf und wenn Schäuble sich hinstellt und Angst und Schrecken vor Terroristen postuliert, gleichzeitig aber den Afghanistaneinsatz befürwortet handelt es sich schon wieder um eine selbsterfüllende Prophezeiung. Von daher: Wenn man intensiv an etwas glaubt passiert es sogar, Placebo-Effekt.

  4. nihilitischegesellschaft Says:

    Nietzsche bezeichnete diese „leeren Worthülsen“ oder kognitiven Konstrukte als das menschliche „Wissen“ in seinem Werk „Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne:

    “ Der Intellekt, als ein Mittel zur Erhaltung des Individuums, entfaltet seine Hauptkräfte in der Verstellung; denn diese ist das Mittel, durch das die schwächeren, weniger robusten Individuen sich erhalten, als welchen einen Kampf um die Existenz mit Hörnern oder scharfem Raubtier-Gebiß zu führen versagt ist. Im Menschen kommt diese Verstellungskunst auf ihren Gipfel: hier ist die Täuschung, das Schmeicheln, Lügen und Trügen, das Hinter-dem-Rücken-Reden, das Repräsentieren, das im erborgten Glanze Leben, das Maskiertsein, die verhüllende Konvention, das Bühnenspiel vor anderen und vor sich selbst, kurz das fortwährende Herumflattern um die eine Flamme Eitelkeit so sehr die Regel und das Gesetz, daß fast nichts unbegreiflicher ist, als wie unter den Menschen ein ehrlicher und reiner Trieb zur Wahrheit aufkommen konnte. Sie sind tief eingetaucht in Illusionen und Traumbilder, ihr Auge gleitet nur auf der Oberfläche der Dinge herum und sieht „Formen“, ihre Empfindung führt nirgends in die Wahrheit, sondern begnügt sich, Reize zu empfangen und gleichsam ein tastendes Spiel auf dem Rücken der Dinge zu spielen.“

    Mehr zu Nietzsche und anderen Philosophen: Für eine Weiterführung des Nihilismus, welcher nicht im Erkennen des Mangels immanent objektiv-gültiger Werte endet (Fatalismus), sondern diese Erkenntnis dazu nutzt, gesünderere, integralistische, holistische und realistischere Werte wie die Moderne sie bietet (Wie man mit dem Hammer philosophiert) zu schaffen, besuche man bitte die Website der Deutschen Nihilistischen Gesellschaft (G.N.U.S.) .

    Nihilismus, Heroismus, Pragmatismus, Idealismus, Traditionalismus in deutschem Maßstab : http://www.anus.com/tribes/gnus

    WordPress Propaganda Blog:
    http://nihilistischegesellschaft.wordpress.com/about/

    Grüße

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