Fremde

Was heißt es fremd zu sein? Solltest du dich fremd fühlen, wenn dich alle komisch ansehen und auf Englisch ansprechen? Ich widersetze mich diesen Emotionen mit all meiner Logik. Als ich im Club in Naha war und alle mich für einen amerikanischen Soldaten hielten, machte mir das nichts aus. Bei 20 Deutschen auf der ganzen Insel sollte man sich nicht wundern, dass die Japaner es für unmöglich halten, dass man in einem Club auftaucht und keiner von 30 000 Amis is. Das machte mir nichts aus. Im Gegensatz zu meinen deutschen Mitstreitern, die sich über die japanische Interesslosigkeit beschwerten. Japaner würden halt gern mal nen kurzes Pläuschen halten, um dann schnell zu fliehen. Das Prinzip von uchi und soto, das die gesamte japanische Gesellschaft durchdringt, schlägt ebenso im Club durch. Ich dachte während dieser Erläuterungen die ganze Zeit, dass es doch in Deutschland nicht wirklich anders sei. Wenn man sich in Japan auf eine Bank setzt und dann der nächste Japaner nicht direkt neben einem sondern am Ende der nächsten Bank sitzt, dann kann der paranoide Ausländer durchaus das Gefühl bekommen, dass man sich distanzieren will. Die Frage, die ich mir dann immer stelle, ist: Wäre es in Deutschland anders? In Deutschland setzt man sich ja auch nicht gerade direkt neben einen Fremden. Das hat nichts mit Staatsangehörigkeit zu tun. Es gibt natürlich eine Aspekte, die man beachten muss. Japaner rennen einem nicht die Tür an, weil sie nicht mal abschätzen können, ob man überhaupt Japanisch spricht. Aber andererseits rennen sie auch nicht anderen Japanern die Tür ein. Fremd fühlt man sich in den komischsten Momenten. Ich fühle mich eigentlich ziemlich wohl  hier und genieße es eher mal „exotisch“ zu sein, als dass ich mich über komische Blicke beschweren würde. Man muss einfach mal ein paar gute Sprüche drauf haben. Heute hab ich zum Beispiel einer Japanerin entgegnet, wieso sie denn so langsam mit mir spricht, ob sie mich für geistig zurückgeblieben hält oder für ein Kind. Das verblüffte Gesicht war auf jeden Fall unbezahlbar und manchmal muss man einfach ein dreistes Arschloch sein und sagen, dass man weder Englisch noch irgendeine andere Fremdsprache außer Japanisch beherrscht. Das ist dann ein Schlag in die Fratzen der Vorurteile und verschafft einem selber ein wenig das Gefühl, dass man sich nicht alles gefallen lassen muss. Der Affe im Zoo kann ja auch schon mal eine Bananenschale werfen, wenn ihm was zu viel wird. 😉 Fremd fühlte ich mich bisher nur einmal und das war heute, als ich nicht wusste, wie die Packung für die Onigiri richtig aufgemacht werden muss. Fremde ist wirklich eine treulose Hure.

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Eine Antwort to “Fremde”

  1. Leander Says:

    Dann haben die drei Jahre Studium doch immerhin etwas gebracht und dich vor dem Kulturschock bewahrt. Du warst ja vorbereitet.

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