Nur ein Zimmer

Ich habe gehört, dass Menschen oft das Gefühl haben, dass die Wände auf sie zukommen würden. Irgendwie stelle ich mir dann immer vor wie Indiana Jones während eines Abenteuers in eine dieser Fallen gerät, in denen sich die dornengespickten Wände auf den Helden zubewegen, während er von klaustrophobischer Angst getrieben zu entkommen versucht. Natürlich ist das Leben kein Film und wenn es doch einer wäre, dann doch ein ziemlich schlechter.

Es ist noch gar nicht so lange her, dass ich ein Zimmer suchte. Der Herbst stand vor der Tür und auf Parkbänken zu schlafen hielt ich für keine erstrebenswerte Alternative. Ein Einzimmerappartment sollte es sein. Ich suchte und fand eine günstige Bleibe. Die Besichtigung war bereits für den nächsten Tag vereinbart. Dann stand ich vor dem mehrgeschössigen Haus. Ein Haus, in dem keiner wohnte. Ein Haus, das Menschen verschluckt und nicht wieder herausgibt. Trotzdem nahm ich die Wohnung. Vier Wände, ein Dach. Ein Sarg mit Raufasertapete.

Als du hier warst, da war es so, als würde in dieses menschenfressende Haus das Leben Einzug halten. Die hohlen Gänge waren von unserem Lachen und vom Duft deines Essens erfüllt. Die Nächte, in denen ich an deiner Seite schlief, deine Wärme spürend, waren die erholsamsten Nächte meines Lebens. Dein leises Atmen war meine Nachtmusik. Es kam mir vor als würde ich am Meer wohnen und dem sanften Rauschen der Wellen lauschen. Ein beruhigendes Rauschen.

Jetzt ist da nur das Rauschen des Radios. Eine metallische Stimme, die so tot wirkt wie ein kalter Eisenblock. Eine metallische Stimme, die durch die Gänge hallt. Ein Echo gibt es nicht mehr. Die dunklen Gänge des Hauses verschlucken die Radiostimmen und geben sie nicht mehr heraus. Das Haus frisst die Töne, es frisst das Leben. Wenn ich durch die kalten Gänge gehe, fühlt es sich an als würde ich durch den sterilen Magen eines Betonmonsters gehen. Das kleine Zimmer, das für uns beide manchmal sogar zu eng wurde, ist plötzlich zu groß. Die Wände scheinen sich zu entfernen, wie ein Ungeheuer, das sein Maul aufreißt, bevor es mich endgültig zwischen seinen Zähnen zermalmt und frisst. In der Mitte des Zimmers kauere ich auf dem Boden, ich steck mir eine Zigarette an und warte bis du wieder kommst oder das Zimmer mich endgültig in sich auflöst.

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