Ryukyuanism und Japaneseness

„Japaneseness“. Zu deutsch: Japanizität. Was beschreibt dieses Wort? Ganz einfach gesagt: Es gibt einen Diskurs darüber was Japan ist, was Japan sein sollte, wer zur Gemeinschaft Japan dazugehört und wer nicht. So gibt es eine populärwissenschaftliche Richtung in Japan, die sich „Nihonjinron“ (zu deutsch: Japan-Diskurs, Theorien über Japaner) nennt und die Besonderheit und die exklusiv japanischen Charakteristika in allen möglichen Bereichen des Lebens kennzeichnet. So gibt es beispielsweise Theorien über die Unvereinbarkeit von „westlichem“ und „japanischem“ Gedankengut beispielsweise in der Bioethik, etc. Soll das verwundern? Nicht wirklich. In einem Land, in dem Premierminister Nakasone den Erfolg des japanischen Wirtschaftmodells während der Bubble-Economy (Immobilienblase während dessen Höhepunkt der Wert des Grundstücks des Kaiserpalastes in Tokyo in etwa dem Wert von ganz Kalifornien entsprach) Ende der 80er damit, dass Japan im Gegensatz zu westlichen Staaten wie Amerika keine hohen Ausländeranteile an der Bevölkerung hat. Ethnische Homogenität als Garant für wirtschaftlichen Erfolg. Wo Japan jetzt steht wissen wir. Seit 1992 gab es eine Niedrigwachstumsphase, die es in dieser Form sicherlich in Japan noch nie gab. Vom Musterschüler zum Sitzenbleiber.

Gleichzeitig ist das Denken nach wie vor unverändert ethno-zentrisch. Japaner glauben erkennen zu können, was typisch japanisch und was typisch ausländisch ist. Das Prinzip scheitert allerdings bereits bei fast komplett assimilierten Koreanern, die nach dem Krieg nunmehr in dritter oder vierter Generation in Japan leben. Egal wie Japanisch sie auch sein mögen, sie werden nie Japaner sein. Das amerikanische Prinzip der Korean Americans scheitert in Japan bereits an den Denkbarrieren der Mehrheitsgesellschaft. Die Selbstessenzialisierung der Japaner hat für Ausländer zur Folge, dass sie nie und nimmer als Japaner akzeptiert werden. Dem Ausländer hängt das Besondere im Kontrast zum besonderen Japanischen an.

Erstaunlicherweise gibt es ein Buch „Japaneseness versus Ryukyuanism“, das von einem deutschen Forscher in Bonn editiert wurde. Joseph Kreiner prägt damit einen Begriff, den es vorher so nie gab. „Ryukyu“ ist der alte Name für das vorjapanische Okinawa. Auch wenn ich das Buch noch nicht gelesen habe, kann ich mir vorstellen, was mit dieser Vorstellung besonders im Kontext zur „Japaneseness“ gemeint sein mag. Okinawaner sehen sich genauso als anders wie Japaner das auch tun, dabei sind sie allerdings sehr viel weltoffener und betonen den multikulturellen Anstrich Okinawas, das durch Handelsbeziehungen zu China, Korea und Südostasien eine Fülle an Einflüssen in sich aufnehmen konnte. Von Japanern wird im Okinawa-Dialekt oft als „naichaa“ (ナイチャー、内地の人) gesprochen, was übersetzt so viel heißt wie „Hauptinsler“. Im Gegensatz zur japanischen Nation, die in viele kleine Fürstentümer zersplittert war, gab es in Okinawa allerdings einen Zentralstaat in den Grenzen der heutigen Präfektur, der bereits seit dem Mittelalter bestand. Von einer Nation zu sprechen wäre allerdings übertrieben. Dennoch gab es eine okinawanische Kultur, die nicht erst konstruiert werden musste, auch wenn die Okinawa-Sprache in viele kleine regionale Sprachformen aufgesplittert ist und war.

Eine ganz interessante Textstelle habe ich vor kurzem erst in einem wissenschaftlichen Buch gelesen. Da lautete es wie folgt: Wenn wir von einer Minderheitenkultur sprechen, akzeptieren wir dann indirekt nicht auch die Kultur einer Mehrheit? Ein sehr interessanter Gedanke wie ich finde. Dadurch, dass wir Menschen als Minderheiten definieren machen wir sie anders und besonders, aber noch viel mehr differenzieren wir uns selbst als besonders und anders von dieser Minderheit. Dennoch bin ich der Meinung, dass eine lokale Kultur eine größere Daseinsberechtigung hat als eine Nationalkultur. Sie ist überschaubarer und weniger konstruiert. Eine Nation muss sich selbst legitimieren über einen gemeinsamen Kulturbegriff, während ein lokales Gebiet dies tun kann, aber nicht tun muss. Der Fall Okinawa geht allerdings bereits in eine schizophrene Richtung. Während meines Studiums in Okinawa traf ich zum Beispiel junge Leute, die mir in breitestem Dialekt versicherten, dass sie sich als Japaner fühlten.

Ryukyuanism könnte also nur ein Abwehrmechanismus sein, der Okinawa selbst in eine Opferrolle führen will. Okinawaner waren von jeher friedlich, Okinawaner waren schon immer Multikulturalisten, Okinawaner haben seit jeher ihre spezielle Kultur, die internationale Elemente in sich vereint. Dies kann man schwer widerlegen, aber de facto ist es auch eine Essenzialisierung, die über den eigentlichen Grad der Japanisierung Okinawas hinwegtäuscht. Okinawa essenzialisiert sich über ein Maß selbst, das an die Grenzen der Glaubwürdigkeit stoßen mag. Klar, es gibt eine eigene Sprache, aber selbst die ist in mehrere Varianten aufgeteilt, hinzu kommt, dass junge Menschen den Dialekt fast gar nicht mehr sprechen. Was Okinawa im Augenblick am meisten zusammenhält ist der Widerstand gegen die amerikanischen Basen. Doch was ist, wenn diese Militärstützpunkte weg sind? Eine aufgesetzte Minderheitenkultur kann nicht der Weg sein für ein kulturell lebendiges Okinawa. Ziel muss ein positives Selbstbild sein, das sich aber nicht gegen das japanische Selbstbild richtet, sondern japanische Elemente und Einflüsse ebenso zulässt wie alle anderen Einflüsse auch.

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