Erdbeben, Tsunami, Super-Gau in Japan!

Die Nachrichten aus Japan schockieren die ganze Welt. Das ist mehr als verständlich, droht doch eine beispiellose Katastrophe, falls im AKW Fukushima I der Super-Gau ausbricht. Über die täglich steigende Zahl der Totesopfer wird überdies weniger berichtet, als über die Nicht-Nachrichten zum AKW Fukushima. Nicht-Nachrichten weil eigentlich keiner so genau weiss, was passiert oder was passieren wird. Das in Folge des Erdbebens und des Tsunamis dagegen über 5000 Menschen gestorben sind und weitere 10 000 Menschen weiterhin vermisst werden wird weniger diskutiert als eine unklare Gefahr.

Und ja, der Deutsche, er hebt wieder den Zeigefinger. Nein, nein, japanische Freunde, ihr habt nicht erlebt, was wir erlebt haben damals als Tschernobyl hochging. Der moralische Zeigefinger. Dabei sollte eben derjenige, der erst vor kurzem aus dem Atomausstieg aussteigen wollte, sich lieber an die eigene Nase fassen. Es dauerte fast 15 Jahre bis in Deutschland überhaupt eine Regierung den Atomausstieg nach dem Desaster von Tschernobyl beschloss. Natürlich liefen die Atommeiler weiter, denn (wie sollte es auch anders sein) deutsche Sicherheitsansprüche kann man doch nicht ernsthaft mit der unterentwickelten Sowjetunion vergleichen. Doch jetzt. Japan, eine Industrienation, die Deutschland mindestens technologisch ebenbürtig ist und ein Super-Gau. Schon läuft unsere Kanzlerin zur Höchstform auf und beschließt die Abschaltung einiger Meiler. Moment…ich dachte, dass wir die für die Stromversorgung unbedingt benötigen. Naja, hab mich wohl verhört, aber zurück zu Japan.

Ein Bericht des Spiegels schaut mit fast hilflosem Unverständnis auf die Tokioter, die nicht so wie die tausenden Ausländer schnell das Land verlassen, sondern einfach bleiben, zur Arbeit gehen. Was sollen sie denn auch anderes tun? 35 Millionen Menschen könnten ja auch ohne Probleme ins Exil gehen. Vielleicht Nordkorea? Dass die deutschen Alarmisten sich über die viel zu ruhigen Japaner aufregen dürfen, ist unverständlich. Hier wird so sehr Panik geschoben, dass selbst ich mir Fragen gefallen lassen muss, wieso ich gerade jetzt nach Okinawa gehe. Das ist ja auch Japan und in Japan herrscht ja gerade der Ausnahmezustand. Betrachtet man allerdings mal die Landkarte müsste jeder vernünftige Mensch erkennen können, dass Okinawa so weit weg liegt wie kein anderer Landesteil Japans. (Ca. 1500 Kilometer von Tokio)

Ein Atomreaktorunfall in Manila hätte größere Auswirkungen auf Okinawa als der jetzt drohende Super-Gau in Fukushima. Das sind die Fakten. Der Alarmismus zwingt aber die Menschen vorschnell lieber zu sagen „Sowas kannst du doch nicht machen!“ als sich mal über die einfachsten geographischen Gegebenheiten zu informieren. Plötzlich sind Millionen Deutsche Experten, wenn es um Japan geht, obgleich sie sich vorher nie auch nur eine Sekunde mit dem Land auseinandergesetzt haben. Die Japaner, das ist ein komisches Völkchen, so lautet der O-Ton in den Medien. Die Welt geht unter und in Tokio zwängt man sich in die U-Bahnen, um zur Arbeit zu kommen. Die Alarmisten sind so empört, dass sogar die deutsche Regierung plötzlich bei der Atompolitik zurückrudert. Fakt ist aber, dass sich die Umstände für oder gegen einen Atomausstieg zu sein nicht verändert haben. Die Risiken sind bekannt. Das hätten sie nach Tschernobyl schon sein müssen.

„Ein Japaner bleibt in Japan“. So lautet der Titel des Spiegel-Beitrags. Ging man in Europa während der Tschernobyl-Katastrophe nicht mehr zur Arbeit? Hat man versucht sich schnell nach Portugal abzusetzen? Ich glaube nichts von solchen Aktionen gehört zu haben. Was die Tokioter machen ist in Wirklichkeit nur menschlich. Ihre Existenz, ihre Vergangenheit und Zukunft hängt mit diesem Ort zusammen. Dass das für Ausländer in Tokio nicht gelten muss, scheint einleuchtend. Dennoch wird dann plötzlich von oben auf die so naiven Tokioter hinabgeblickt. Welt verkehrt. Schließlich laufen die Nachrichten in Japan im Sekundentakt durch. Dass die Menschen hier keine Angst haben, davon kann gar nicht die Rede sein. Die Frage, die nie gestellt wird, ist letzten Endes doch folgende: Soll man das alltägliche Leben gegen den alltäglichen Wahnsinn austauschen? Bejaht man diese Frage, dann hat man jede Objektivität verloren. Für den moralischen Fingerzeig braucht man allerdings auch keine Fakten oder Objektivität.

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6 Antworten to “Erdbeben, Tsunami, Super-Gau in Japan!”

  1. Thielus Says:

    „Und ja, der Deutsche, er hebt wieder den Zeigefinger. Nein, nein, japanische Freunde, ihr habt nicht erlebt, was wir erlebt haben damals als Tschernobyl hochging. Der moralische Zeigefinger.“

    Wer tut das?

    Davon abgesehen, weiß ich nicht, ob man die Tatsache, dass man in Deutschland während Tschernobyl noch zur Arbeit gegangen ist, mit der jetzigen Situation in Tokio vergleichen kann. Von Tschernobyl war man (zunächst) nicht unmittelbar betroffen. Und darüber zu berichten, dass die japanische Gesellschaft mehrheitlich sehr ruhig und besonnen auf die Situation reagiert, ist legitim. Genauso legitim wie die Überraschung, dass es kaum zu Massenpaniken/-fluchten kommt, wie man es von anderen derartigen Ereignissen kennt.

  2. adulto Says:

    Ich bitte dich, wenn da in den Medien geschrieben wird, dass die Japaner (wegen ihrer Nicht-Aufarbeitung oder Teilnahmslosigkeit am Gau in Tschernobyl) Atomkraft ja fast blauäugig gut heißen, obgleich die Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki gefallen sind.

    Gab es Massenpaniken/-fluchten in Haiti oder nach dem Tsunami in Südostasien? Nicht, dass ich mich erinnern könnte. Auch wenn jetzt vielleicht ein Super-Gau droht, was bleibt den Menschen außer dort zu bleiben? Alternativen gibt es keine. Von Besonnenheit oder eher Sturheit zu reden ist nichts weiter als eine Essenzialisierung. In Japan gibt es genügend Gegenbeispiele von Menschen, die in den Süden des Landes fliehen. Aber wenn du dir mal anschaust, wieviele Bahnen immer noch ausfallen und dass die Kapazitäten an den Flughäfen nicht ausreichen (Merken ja auch die Ausländer), dann finde ich es fast traurig von einer japanischen Eigenart zu sprechen. Diese Menschen haben nun mal keine Wahl als zu bleiben, aber das hängt nicht damit zusammen, dass sie JAPANER sind. Der orientalistische Ton in der Medienberichterstattung kotzt mich einfach nur ein wenig an.

  3. Thielus Says:

    Naja, in Haiti und z.B. Pakistan ist (temporär) Chaos ausgebrochen. Ob das nun an den Menschen oder an den schwachen staatlichen Institutionen liegt, sei mal dahingestellt.
    Ich stimme dir insofern zu, als die Berichterstattung die unterschiedlichen Reaktionen der Gesellschaft nur unzureichend einfängt. Allerdings darf man nicht vergessen, dass die Ressourcen der Medien auch nicht unbegrenzt sind. Weil in Japan gerade nunmal mehrere Ereignisse zeitgleich passieren bzw. passiert sind (siehe deine Überschrift) muss man sich überlegen, worauf man den Fokus legt. Und da hat man sich für den Super-GAU (oder Kernschmelze oder Unfall oder was weiß ich) entschieden, was auch in Ordnung ist. Dabei fallen andere Aspekte natürlich unter den Tisch. Die Folgen des Tsunamis wurden im TV z.B. nur als Fußnote behandelt.
    Und zuletzt: Ich weiß nicht, wer geschrieben oder gesagt hat, dass die Japaner angesichts der Atombombenwürfe „blauäugig“ in die Kernkraft marschiert wären. Wenn das jemand so gesagt/geschrieben hat, hätte ich auch meine Probleme damit. Womit ich aber keine Probleme habe ist, dass die Medien die Frage stellen, wie es dazu kommen konnte. Und für mich als Laie auf dem Gebiet mutet es im Rückblick (!) merkwürdig an, ein Kernkraftwerk direkt an der Küste eines Erd-/Seebebengebietes zu bauen, es dann aber nicht entsprechend zu sichern sondern US-Pläne 1:1 zu übernehmen, wie ein an dem Bau beteiligter Ingenieur darlegte. Natürlich gibt es mehr als genug Gründe für Japan, auf die Kernkraft zu setzen (kaum eigene Ressourcen, schwieriges regionales Umfeld etc.), aber trotzdem muss erlaubt sein, genau diese Fragen zu stellen. Auch als Nicht-Japaner.

  4. Patrick Says:

    Soweit ist es aber garnicht her von einer japanischen Eigenart zu sprechen: Es gab keine Plünderung der Geschäfte etc. wie sie häufig vorkommen in westlichen/arabischen Völkern im Angesicht solcher Katastrophen, selbst beim Hurricane Katharina in den USA, – einer zivilisierten Nation (…) – kam es zu Geschäftsplünderungen, nein die Japaner stehen brav an und kaufen weiter ein, finde das ist positiv zu werten, ob dabei Angst herrscht kann die hiesige Presse nicht beurteilen, aber wie die Betroffenen damit umgehen schon…

  5. Johannes Says:

    Ihr solltet mal mitkriegen wie viel boese Telefonanrufe meine Mutter erhaelt (Verwandte, Bekannte, Nachbarn…) nur weil meine Schwester Barbara noch immer in Japan ist. Sie wird fortgehend von allen Seiten eine Rabenmutter genannt – schrecklich. Zugegeben – Barbara ist schon seit einigen Tagen die einzige deutsche Austauschschuelerin die immer noch in Japan ist, aber sie ist schliesslich auch extrem weit von dem meisten Geschehen entfernt: Hiroshima. Und sie moechte um keine Umstaende nach Hause. Am 20. Maerz geht jetzt schiesslich doch ihr Flug zurueck nach Deutschland… Barbara wuerde nichts lieber tun als dort zu bleiben und zu helfen wo sie es nur kann. Aber um solch eine Entscheidung treffen zu koennen ist sie anscheinend zu jung… Schade.

  6. adulto Says:

    http://www.welt.de/vermischtes/weltgeschehen/article12930698/Deutsche-in-Japan-fuehlen-sich-verhoehnt.html

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