Europa stirbt

Betrachtet man ganz nüchtern, was sich in Europa so tut, könnte man als europäisch orientierter Mensch fast schon ein wenig unruhig werden. Dänemark führt wieder Grenzkontrollen ein, in Finnland verweigern die „Wahren Finnen“ eine Zustimmung zum Euro-Rettungsschirm. Rechtspopulismus an sich, muss gar nichts Schlimmes sein. Er kann mitunter als nützliches Korrektiv und konstruktiver Beitrag in politischen Diskursen dienen. Demokraten müssen sogar dankbar sein, dass sie Rechtspopulisten als Gegenpol haben, um ihre eigene Sicht der Dinge darzustellen.

Davon abgesehen ist es traurig, was gerade mit Europa passiert. Der neue Rechtspopulismus ist ein Anti-Europäismus und zugleich eine Bewegung gegen den Islam. Huch? Da muss man sich doch fragen, wie das eigentlich zusammengeht. Ist nicht Europa diese abendländisch-christliche Gemeinschaft mit ihren universell gültigen Werten? Europa ist also das Gegenteil des Islamismus bzw. des Islams an sich, wie ihn Rechtspopulisten darstellen. Zugleich können sie aber gegen Europa sein. Dieses weltfremde bürokratische Monstrum. In einer Zeit, in der einem die Nachrichten nur so um die Ohren fliegen, in der es oftmals gerade so dazu reicht die Titel der Zeitungsartikel zu lesen, wird es immer schwieriger sich auch wirklich in Ruhe eine Meinung bilden zu können. Tunesische Flüchtlinge (der Begriff Flüchtlingswelle beispielsweise zeigt ja schon wie positiv Flüchtlinge sprachlich konnotiert sind) , Griechenland-Krise (oder war es doch die Euro-Krise? Griechenland alleinverantwortlich zu machen ist sprachlich allerdings suggestiver) und der mögliche Beitritt der Türkei zur EU. Alles nicht so ganz rosige Aussichten für die Zukunft Europas.

Wie war noch gleich die Defintion des Wutbürgers? Angst vor Veränderung. Wenn man Angst vor Veränderung hat, lehnt man sich gerne an längst überwunden geglaubte Konzepte an. Da kommt sie dann auch schon ins Spiel: die Nation. Es kommt endlich wieder ein neues „Wir“-Gefühl auf. Da schlägt das Herz jedes Patrioten höher. „Wir“ lassen uns doch von „denen“ (Türken, Polen, etc. / u.a. auch als „Mitbürger“ bekannt) nicht den Sozialstaat ausbeuten. Sollen „wir“ bezahlen, dass „der Grieche“ mit 55 in Rente gehen kann? Sollen „wir“ ernsthaft Flüchtlinge, die da in Italien gestrandet sind (es handelt sich hier natürlich um unglaubliche Menschenmassen, die „unsere Kultur“, „unser Sozialsystem“ bedrohen) aufnehmen? Der Aufschrei ist groß. Man hat es ja eigentlich schon immer gewusst. Nur wieso hat man dann nicht früher schon aufbegehrt?

Als die „Wahren Finnen“ drittstärkste Kraft in Finnland wurden, da schrieb sie der Spiegel auch schon nieder. Wütende junge Männer wären die größte Wählergruppe der Rechtspopulisten. Zugleich haben diese Männer eine unterdurchschnittliche Bildung. Was steht hier wohl zwischen den Zeilen? Nur dumme, wütende Männer wählen die Rechtspopulisten. Einfacher diffamieren kann man eine Partei nun wirklich nicht. Nun leben wir in Europa ja leider in demokratischen Gesellschaften, in denen zufällig jede Stimme gleich gewichtet wird. Die Stimmen der Dummen haben genauso viel Gewicht wie die Stimmen von Spiegel-Lesern (die Grenzen zwischen beiden Gruppen sind oftmals fließend). Dumme wählen dumme Parteien. Schön wär’s! Leider sind ähnliche Trends zu einer anti-europäischen Haltung in allen Ländern zu beobachten.

Jetzt macht sogar Dänemark die Grenzen dicht (um mal polemisch zu werden). Dabei wird doch ernsthaft behauptet, dass dies sogar der Freizügigkeit dienen solle. Die meisten Urlauber aus Deutschland werden letzten Endes mit einem Lächeln durchgewunken. Wundervoll! Man wolle schließlich nur Schmuggler und ähnliches Pack (Juden, Zigeuner, Islamisten, Flüchtlinge, den Gaddafi-Clan) nicht ins Land lassen. Freizügigkeit nur für die Leute, die Geld mit sich bringen. Welcome back in der Klassengesellschaft. Deutschland sollte das auch einführen. Achso, nee, das hatten wir ja schon alles. Damals als wir die ganzen Osteuropäer nicht reinlassen wollten und die Engländer sich über gut ausgebildete, junge Arbeitskräfte aus Polen freuten, die sich dazu noch wundervoll in die Gesellschaft integrierten.

Meine Forderung lautet nun, dass jeder, der in Europa eine Grenze überschreitet vor der Flagge der EU anhalten und die „Ode an die Freude“ singen muss. Denn bisher haben die Institutionen der Nationalstaaten versäumt eine gesamteuropäische Idee zu vermitteln. Stattdessen wird im Geschichtsunterricht der deutsche „Sonderweg“ (Bullshit) behandelt. Da ist Japan ja sogar weiter. Da hat man wenigstens noch die Auswahl zwischen „Geschichte Japans“ und „Weltgeschichte“. In Europa kriegt man es nicht mal mehr auf die Reihe eine Reihe zur „Europäischen Geschichte“ hervorzubringen. Ja, manche werden jetzt sicher sagen: Das ist doch unhistorische Konstruktion eines Gebildes, das es so bis zu Churchills Rede von den „Vereinigten Staaten von Europa“ nie gab. Dem kann ich nur entgegen, dass es natürlich keine Konstruktion ist die Geschichte der Franken durchzunehmen oder die Varusschlacht als Beginn der deutschen Geschichte festzulegen. Deutschland gibt es ja auch schon so lange. Wenn mal also schon Historizität konstruiert, warum konstruiert man sie dann nicht wenigstens konstruktiv. Was der Nationalstaat Deutschland brachte, naja, die Bilanz ist gemischt. Europa hat dagegen moralisch (noch) eine weiße Weste. Europäisches Bewusstsein stärken, das haben wir verpasst. Stattdessen haben wir ein Europa der Nationen. Ein transnationales Gebilde ist nur auf bürokratischer Ebene erkennbar.

So siecht Europa also dahin. Europäischer Rettungsschirm? Seid ihr verrückt! Dann müssten „wir“ Deutschen, Finnen, Dänen doch am meisten bezahlen. Ist doch deren Schuld! Irgendwo habe ich wahrscheinlich den Begriff „Solidarität“ falsch verstanden. Solidarität heißt nicht in guten Zeiten zusammenzustehen und in schlechten Zeiten die Mitglieder der Solidaritätsgemeinschaft stehen zu lassen. Dass sich in Deutschland noch keine rechtspopulistische Bewegung gegründet hat, haben wir den deutschen Parteien zu verdanken, die bereits anti-europäisch genug sind. Die „eiserne Kanzlerin“! Das klingt doch gut. Populismus auf höchster Ebene. Umfrangen sind der neueste Kompass der Regierenden. Für Europa eintreten? Oh Gott! Wer wählt uns dann noch. Wäre dies doch immer so gewesen. Brandts Kniefall in Warschau wäre nie möglich gewesen. Heute zählt Brandts Ostpolitik zu den Dingen, auf die man in Deutschland stolz sein kann. Heute fordert man von der Wirtschaft langfristiges Wirtschaften und ist in der Politik dabei das Gegenteil umzusetzen.

Europa stirbt. Die Europäer, die keine sind, schauen dabei zu. Man schaufelt ein Grab und legt sich selbst hinein. „Alle Menschen werden Brüder“? Nicht mal die Europäer können Brüder sein. Man könnte wütend sein, man könnte traurig sein, aber man ist es nicht. Eine wirklich komische Beerdigung.

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Eine Antwort to “Europa stirbt”

  1. europadernationen Says:

    Europa stirbt nicht. Aber die EU ist in der Krise. Das hat viel damit zu tun, daß die EU stets ein Projekt der „Eliten“ war. Eine Verankerung der EU über eine breite öffentliche Diskussion war ja nie gewünscht. Anstatt über Vor- und <Nachteile oder gar Alternativen zu diskutieren, wurden Kritiker nicht selten nur diffamiert.

    Und was die Solidarität angeht: Solidarität kann sich immer nur auf einen engen Kreis beziehen. Die eigene Familie ist mir wertvoller als der Nachbar. Eine unbegrenzte Solidarität ist letztendlich beliebig, da nicht auf Dauer zu leisten. Hier liegt der zweite große Fehler der EU- Politik. Die Währungsunion hat den Völkern von oben eine Solidargemeinschaft verordnet und vergiftet so daß Klima untereinander. Die EU verodnet Griechenland einen Sparkurs der die Bevölkerung bis an den Rand innerer Unruhen treibt. Gleichzeitig müssen die Steuerzahler von Ländern wie Deutschland für immer neue Rettungspakete bluten.
    Was wäre ohne die gemeinsame Währung passiert? Die griechische Währung wäre abgewertet worden und der Vorgang, der heute europa zu spalten droht, wäre nur eine Randnote im Wirtschaftsteil der Zeitung. Nur weil die EU- Politiker es mit der Währungsunion überzogen haben, gefährden sie tatsächliche Errungenschaften wie den gemeinsamen Markt und provozieren unnötige Konflikte.

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