Archive for the ‘Fiktion’ Category

Nur ein Zimmer

Januar 31, 2011

Ich habe gehört, dass Menschen oft das Gefühl haben, dass die Wände auf sie zukommen würden. Irgendwie stelle ich mir dann immer vor wie Indiana Jones während eines Abenteuers in eine dieser Fallen gerät, in denen sich die dornengespickten Wände auf den Helden zubewegen, während er von klaustrophobischer Angst getrieben zu entkommen versucht. Natürlich ist das Leben kein Film und wenn es doch einer wäre, dann doch ein ziemlich schlechter.

Es ist noch gar nicht so lange her, dass ich ein Zimmer suchte. Der Herbst stand vor der Tür und auf Parkbänken zu schlafen hielt ich für keine erstrebenswerte Alternative. Ein Einzimmerappartment sollte es sein. Ich suchte und fand eine günstige Bleibe. Die Besichtigung war bereits für den nächsten Tag vereinbart. Dann stand ich vor dem mehrgeschössigen Haus. Ein Haus, in dem keiner wohnte. Ein Haus, das Menschen verschluckt und nicht wieder herausgibt. Trotzdem nahm ich die Wohnung. Vier Wände, ein Dach. Ein Sarg mit Raufasertapete.

Als du hier warst, da war es so, als würde in dieses menschenfressende Haus das Leben Einzug halten. Die hohlen Gänge waren von unserem Lachen und vom Duft deines Essens erfüllt. Die Nächte, in denen ich an deiner Seite schlief, deine Wärme spürend, waren die erholsamsten Nächte meines Lebens. Dein leises Atmen war meine Nachtmusik. Es kam mir vor als würde ich am Meer wohnen und dem sanften Rauschen der Wellen lauschen. Ein beruhigendes Rauschen.

Jetzt ist da nur das Rauschen des Radios. Eine metallische Stimme, die so tot wirkt wie ein kalter Eisenblock. Eine metallische Stimme, die durch die Gänge hallt. Ein Echo gibt es nicht mehr. Die dunklen Gänge des Hauses verschlucken die Radiostimmen und geben sie nicht mehr heraus. Das Haus frisst die Töne, es frisst das Leben. Wenn ich durch die kalten Gänge gehe, fühlt es sich an als würde ich durch den sterilen Magen eines Betonmonsters gehen. Das kleine Zimmer, das für uns beide manchmal sogar zu eng wurde, ist plötzlich zu groß. Die Wände scheinen sich zu entfernen, wie ein Ungeheuer, das sein Maul aufreißt, bevor es mich endgültig zwischen seinen Zähnen zermalmt und frisst. In der Mitte des Zimmers kauere ich auf dem Boden, ich steck mir eine Zigarette an und warte bis du wieder kommst oder das Zimmer mich endgültig in sich auflöst.

Bist du in Ordnung?

Januar 21, 2010

Es ist so schwer sich auf den ersten Blick zu verlieben, aber wenn ich das könnte, wärst du diejenige, in die ich hoffnungslos verliebt wäre. Wieso ich den Konjunktiv benutze? Vielleicht weil ich mich wirklich verliebt habe und einfach nur wieder deine Hände wärmen möchte. Ich möchte neben dir liegen, deine Hände halten und dabei einfach nur in dein unschuldiges Gesicht sehen. Manchmal können Menschen wirklich die größten Egoisten sein, aber letzten Endes reiße ich mich zusammen und äußere meine Wünsche nicht. Manche mögen mich dann fragen, ob ich noch in Ordnung sei, ob ich noch richtig ticke, aber eigentlich ist es mir schon genug dich aus der Distanz zu sehen und zu denken, dass du die perfekte Person wärst. Dabei jage ich durch endlos viele Straßen und blende die Gedanken an dich aus wie ein Phantom, wenn ich einer Anderen begegne. Werde ich dadurch glücklich? Dadurch vielleicht nicht, aber ich bin glücklich, weil ich endlich wieder jemanden habe, an den ich denken kann. Jemand, der mich mein Herz hören lässt. Dabei dachte ich schon fast, dass da nur ein Klumpen Eis wäre, der das Blut in die eiskalten Adern pumpt. Bist du in Ordnung? Natürlich bin ich das. Manchmal ist einfach unnötig zu fragen, ob es richtig wäre sich in diese Person zu verlieben. Es ist doch nichts schlimmes dabei sich zu verlieben. Nimm mein Herz und zerschlag es auf dem Boden, ich habe schon schlimmere Sachen erlebt. Ich will jetzt schlafen und dabei an dich denken, wenn ich nur daran denke, dass ich dich morgen sehe, bin ich glücklich. Wenn ich mich jemand das nächste Mal fragt, ob ich in Ordnung sei, dann sag ich einfach „Nein, ich bin verliebt“.

Als der Sommer ging

November 12, 2009

Als der Sommer ging, nahm er mich mit. Er flog mit mir durch die halbe Welt und machte keine Anstalten zu halten. Ich ging mit einem sommerlich sonningen Lächeln und genoß seine Anwesenheit. Der Sommer hat mich nie alleine gelassen. Zumindest mich nicht.

Du sitzt an deinem Fenster in deinen warmen Sachen und sehnst dich nach dem Sommer zurück. Als der Sommer dich verließ, warst du zwar darauf vorbereitet, aber du wolltest doch nicht, dass er geht. An dem Ort, an dem du bist, wechseln die Jahreszeiten und der Sommer kommt nur gelegentlich zu Besuch. Du, als Kind des Sommers, mit deinem sonnigen Lächeln, hast dein Lächeln verloren, denn der Winter hat deine Gesichtszüge eingefroren. Aber ob du dem Sommer eine eisige Träne nachweinst, weiss ich nicht. Ich würde es mir wünschen. Vielleicht denkst du aber auch, dass ich dir den Sommer gestohlen habe. Ich ihn fortnahm und nicht er mich. Einem von mir gestohlenen Sommer würdest du sicher keine eisigen Tränen nachweinen. Dann würdest du auch sicher nicht an deinem Fenster sitzen und an den verlorenen Sommer denken. Du wärest draußen mit deinem Sommer-Lächeln, die Kälte schmelzen und die Jahreszeiten einfach weiterfließen lassen.  (more…)

Der Spiegel

November 8, 2009

Die Sachen in meinem Schrank wirken so einsam. Ich weiss nicht genau wieso, aber es scheint, als würden sie jede Nacht weinen. Jeden Tag hänge ich sie draußen auf. Der warme Wind trocknet ihre Tränen, aber nachts hör ich aus meinem Schrank immer wieder ihr Schluchzen. Dennoch weckt es mich nicht, weil ich selber nicht die Augen schließe. Also sitze ich nachts da und tröste die durchnässten Sachen. Vielleicht wäre es einfacher sie einfach in den Trockner zu tun, aber ein Trockner kann nicht trösten. Ein Trockner kann Tränen trocknen, aber er versiegelt nicht die Quelle. Meine Sachen vermissen es gestapelt neben deinen Sachen zu liegen.

Wenn es nicht so wäre, würde meine Zahnbürste nicht so einsam dreinblicken, wenn ich sie morgens in die Hand nehme. Neben ihr ist bereits eine neue Zahnbürste, aber deine Zahnbürste scheint wohl etwas Besonderes gewesen zu sein. Mit der fremden Zahnbürste ist sie vielleicht nicht alleine, aber die Definition von Einsamkeit geht über das Alleinsein weit hinaus. Dinge sind nicht einfach nur Materie, sie sind das, was wir ihnen an Bedeutung zuschreiben, insofern ist die Welt, bist du, ist die fremde Zahnbürste viel mehr als ein Stück Materie. Ich will mir das nicht eingestehen, aber wenn ich morgens in den Spiegel sehe, sehe ich dich, obwohl oder gerade weil du nicht da bist. Dabei spiegelt ein Spiegel doch nur die materielle Welt ab. Aber in meiner Welt erscheinst du im Spiegel und legst deine Arme um meine Schulter. In meiner Welt tröste ich leblose Dinge, aber eigentlich tröste ich mich selbst. Auch meine Sachen sind nur Dinge, die etwas reflektieren, was Bedeutung trägt. Alles ist irgendwo ein Spiegel.

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Sich hängen lassen

September 17, 2009

So oft höre ich „Lass dich nicht hängen!“, „Kopf hoch!“, „Du hast für die Zukunft alle Freiheit!“. Es muntert mich immer wieder für kurze Zeit auf. Ich lächle ob der Menschen, die sich doch um mich kümmern. Irgendwann war dann aber keiner dieser Freunde mehr da. Alle verheiratet, in ihren Jobs, gute bürgerliche Existenzen mit Häusern im Grünen. Nur ich war gescheitert. Zwar empfand ich das nie so, aber wenn es dir jeder sagt, dass du gescheitert bist, glaubst du den Scheiß irgendwann auch mal. (more…)

Himmel und Hölle

August 18, 2009

Die Spanne zwischen meinen Händen beschreibt die Spanne zwischen Himmel und Hölle. Links das erfrischend kühle Bier, rechts die heiße Glut der Zigarette. Ob der Himmel wirklich ein so kühler Ort ist? Muss ja, denke ich, schließlich sinkt mit jedem Höhenmeter die Temperatur. Wenn man allerdings in Richtung Erdkern vordringt, wird es immer heißer. So simpel gestrickt diese dualistische Weltsicht ist, so wahr scheint sie mir. Zwischen Hölle und Himmel liegt mein promilleschwerer Kopf auf dem Bartresen. Gebettet auf in Alkohol schwimmenden Erdnüssen schaue ich mir das frisch gefüllte Bierglas an. Der sich leise zersetzende Bierschaum strahlt weiß wie die Schönwetterwolken des letzten Sommertages. Ich nehme einen letzten Zug von der Zigarette, als die Glut mir die Finger zu verbrennen droht. Grauer Rauch.

Ein trauriger Gefangener des Diesseits bin ich. Gefangen zwischen Bier und Glimmstengel. Der Mensch ist ein grandioser Lügner. Er kann sein Leben lang daran glauben, dass er nach seinem Tod in einem eisigen Bier schwimmen wird. Im Moment des Todes, in dem Moment, in dem er Angst hat, in dem er leben will, in diesem Moment enttarnt er seine eigenen Zweifel. Seine Angst zeigt, dass es keinen Himmel gibt. Vielleicht zeigt seine Angst nur, dass es eine Hölle gibt. Der Mystiker Eckhart hat behauptet, dass in der Hölle nur der Teil des Menschen brennt, der sich nicht vom Leben trennen kann. Das Nichts wird dann zur Hölle, wenn man an etwas hängt. Hängt man dagegen an nichts, akzeptiert man,  dass nach dem Tod wirklich Nichts ist. Post mortem-Nihilismus.

Das Einzige, was bei mir noch brennt, ist die Zigarette. Die Zigarette wär wohl auch die einzige Sache, die in meiner individuellen Hölle brennen würde. Jetzt nehme ich erst einmal einen Schluck Himmel. Ich schüttel die Erdnüsse von meiner Wange, schaue mich um. Menschliche Dämonen ohne Gesicht sitzen schweigend in einer grauen Welt zwischen weißem Bierschaum und roter Tabakglut. Mir ist nach Weinen zumute, aber ich kann nicht, weil ich innerlich ausgetrocknet bin. Ich weine nur noch, wenn ich eine Chili-Schote esse. Die innere Dürre fülle ich notdürftig mit dem letzten Schluck kühlen Himmels. Ich drücke den Glimmstengel aus. Mit dem Beweis, dass es keinen Himmel und keine Hölle gibt, trete ich in die Nacht hinaus. In ein dunkles Nichts, in dem keine Lampe mehr brennt. In ein dunkles Nichts, in dem nichts mehr brennt.

Durchgangsstation

Juni 3, 2009

Bahnhofsanzeige

Bahnhöfe sind die schönsten Orte auf dieser Welt, denke ich, als ich an jeder Durchgangsstation Umarmungen und Küsse sehe. Eigentlich sind Bahnhöfe doch schmutzige Orte. Aber vielleicht wirken gerade deshalb Umarmungen an diesen Plätzen wie die Blume auf dem Misthaufen. Bahnhöfe? Diese Betonklötze aus der Zeit der Industrialisierung, aus der Zeit der Schornsteine, spiegeln die menschliche Natur wider. Sie zeigen Abschied und Wiederkehr. Glück und Trauer. Sie spiegeln das menschliche Leben wieder, obwohl sie nicht annähernd so alt wie die Menschheit selbst sind. Der Mensch hat früher Tempel gebaut, doch die Tempel der Moderne sind wohl Bahnhöfe. Sie sind Tempel, die den Menschen in  all seinen Facetten darstellen. Sie verehren die Menschlichkeit, ohne das wir etwas davon mitbekommen. Denn es sind die Menschen, die Menschlichkeit verkörpern. In all ihren Farben strömen Menschen zu den Bahnhöfen. Der Bahnhof vereint die Menschheit, die sonst durch Nationen und soziale Zwänge kategorisiert und gefesselt ist.

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Der Aufzug

Mai 12, 2009

Es war ein wenig komisch. Ich hatte noch nie in meinem Leben einen Aufzug gesehen, in dem jemand die Knöpfe für mich drückt. Wahrscheinlich weil ich noch nie in meinem Leben in einem Nobelhotel abgestiegen war. Seit sie dieses neue Einkaufszentrum gebaut hatten, gehörte die Aufzugsdame zum Inventar. Eine junge, attraktive Frau mit wunderschönen Beinen. Die Beine müssen doch bei dem ganzen Rumgestehe fürchterlich weh tun, dachte ich. Immer wenn sie fragte, ich welchen Stock ich denn wolle, sagte ich, dass ich in den obersten müsste. Im obersten Stock hatte ich einen Job angenommen, um mir das Leben mit ein wenig Taschengeld zu versüßen. Wie ein Roboter drückte sie den Knopf, wie ein Roboter stand sie regungslos da. Wie ein wunderschöner Roboter.

Auch wenn ich schon zu Hause war, dachte ich noch lange an die schmalen Finger, die immer gleichen Bewegungen und das regungslose Stehen. Das oberflächliche Lächeln, wenn man den Aufzug betrat und die leeren Augen, die sich nicht die Mühe machten jemanden zu erkennen. Sie muss unglaublich einsam sein, dachte ich manchmal. Das Einzige, was sie berührte, waren die Knöpfe. Ein Mal hatte ich erlebt, wie ein Mann ihr an den Hintern gefasst hatte. In diesem Moment dachte ich, dass sie wirklich ein Roboter war. Ich hätte Angst gehabt ihr an den Hinter zu fassen, weil ich befürchtete, dass ich nur kalten und glatten Stahl berühren würde. (more…)

Kalte Schönheit

April 1, 2009

In letzter Zeit bin ich so oft neben mir. Dabei läg ich so gern neben dir. Auch wenn du kalt bist und ich anfangs immer zittere, wenn ich dich mit meiner Hand berühre, fühlst du dich an wie Heimat. Du weichst mir nie aus und bleibst nachts immer an meiner Seite. Für mich symbolisierst du die Stadt, in der ich mich rastlos lebendig fühle. Was kann ich nur tun? Ich möchte dich nicht verlassen, aber unser Abschied ist unausweichlich. Vielleicht sollte ich dich in nächster Zeit nicht mehr so oft sehen, damit ich beim Abschied nehmen nicht weinen muss. Ich wandere unruhig nachts durch die Adern der Stadt und komme mit roten Augen wieder, doch nie schläfst du. Du scheinst immer zu warten, bis ich zurückkehre. Dann berühre ich meine kalte Schönheit wieder und zittere. Egal bei wem ich war, du vergibst mir alles. Aber ich muss dich verlassen, weil meine Mietnebenkosten gestiegen sind. Bis dahin aber werde ich die Zeit an der kalten Zimmerwand genießen.

Karamell am Valentinstag

Februar 14, 2009

„to fall in love“, ich finde, dass dieser Ausdruck der vielleicht schönste der englischen Sprache ist. Denn bei uns ist es scheinbar wirklich ein Fallen. Das Hineinfallen in die Liebe ist ein langer, zäher Prozess und manchmal denke ich, dass es wie heißes Karamell ist. So süß und zäh. Die Frage, ob ich irgendwann zu Ende gefallen bin, interessiert mich nicht. Ich genieße das Jetzt, ein Gefühl des Schwebens und der Freiheit von jeglichem Zwang. Was bringt es einem Menschen von der fernen Zukunft zu träumen, wenn er nicht mal erkennen kann, welch ein wahr gewordener Traum die Realität sein kann. Manchmal denke ich dann, dass ich selbst wie Karamell bin. Aber nicht heiß, sondern einfach ein harter Klumpen. Nur wenn ich deine Worte höre, ist es, als würde dieser Klumpen auf deinen Worten, auf deiner Zunge sanft dahinschmelzen und seine ganze Süße entfalten. Ich weiss nicht, bin ich vielleicht schon in die Liebe gefallen? Vielleicht ist alles nur ein süßer Traum, den ich träume, weil ich mir den Magen mit zu vielen deiner Karamells verdorben habe.